21.6.2020 - keine Kommentare

„Hunger“ in der Moderne: Kultur im Wandel

Geschrieben von Christoph Fleischer

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Knut Hamsun und Thomas Mann gelten als zwei der faszinierendsten Autoren des frühen 20. Jahrhunderts. Ihre Reflexionen über eine Zeit in der rapide gesellschaftliche und technologische Veränderungen an der Tagesordnung standen, sind auch heute noch relevant.

Während der industriellen Revolution sind Städte enorm gewachsen. Besonders zu Ende des 19. Jahrhunderts strömten Massen in die urbanen Zentren um Arbeit zu finden. Berlin hatte beispielsweise zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch ca. 400.000 Einwohner, zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es bereits um die 2 Millionen geworden. In diesen rund 50 Jahren sind 1,6 Millionen Menschen zugezogen und die Stadt musste es irgendwie bewerkstelligen, fünfmal so viele Einwohnern zu beherbergen. Die Entwicklung der modernen Metropole beschäftigt auch den norwegischen Literatur-Nobelpreisträger Knut Hamsun, der sie gleichermaßen mit Faszination und Sorge aufmerksam verfolgte und literarisch verarbeitete. Die Beobachtungen des Skandinaviers sind auch für den heutigen Leser noch relevant, denn Bücher wie Hamsuns „Hunger“ erzählen auch eine Geschichte über die Entwicklung des modernen Menschen in seinem natürlichen Habitat, der Metropole.

Der Titel des Romans, „Hunger“, steht für ein doppeltes Bedürfnis des Menschen in der modernen Stadt. Der namenlose Protagonist der Geschichte, ein junger Mann über den ansonsten nicht viel bekannt ist, bewegt sich durch das Kristiania (heute Oslo) um die Jahrhundertwende herum. Er verfügt über kaum Geld und geht keiner festen Beschäftigung nach. Tagsüber verbringt er seine Zeit mit langen Spaziergängen, bei denen er über seine intellektuellen Ambitionen brütet und sich ab und zu niedersetzt, um einen Artikel für die Zeitung zu schreiben, von dem er sich ein wenig Geld verspricht. Folge seiner materiellen Armut ist, dass er häufig unter Hunger leiden muss. Ab und zu träumt er davon eine ausführliche und umfassende Abhandlung über Immanuel Kants philosophisches Werk zu schreiben, doch stellt dabei ernüchternd fest, dass es wahrscheinlich niemandem interessieren würde. Seine Sehnsucht nach geistiger Auseinandersetzung, die in seinem unmittelbaren urbanen Umfeld unbefriedigt bleibt, stellt eine zweite Art des Hungers dar, für den er sich Stillung wünscht.

IDEEN
KOMPRIMIERT
1 Knut Hamsun identifiziert früh das enorme Potential für Veränderungen im frühen 20. Jahrhundert.
2 In Zeiten kultureller Veränderungen lohnt sich eine Rückbesinnung auf Werte und Güter, die zu möglichst jeder Zeit und in jedem Kontext nützlich sind.
3 Thomas Mann versucht diese Werte und Güter festzuhalten. In diesem Sinne ist er ein nicht-reaktionärer Konservativer.

Hunger spielt entsprechend in dem Roman Hamsuns zwei Rollen, die selbst noch für einen heutigen Einwohner einer Metropole nachvollziehbar sind. Während der buchstäbliche Hunger weitestgehend aus den Städten verband werden konnte, kennt jeder Städter die zahlreichen Pfandsammler, häufig alte Menschen, die von ihrer Rente nicht genug zum Leben haben und Obdachlose, die kaum noch aus dem Bild der Großstadt weggedacht werden können. Der intellektuelle Hunger zeigt sich auch in einer Sehnsucht nach Authentizität und einem Verlangen nach verlässlichen engen Beziehungen zu anderen Menschen. Bewegt man sich über die großen Plätze oder nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel, wirkt die Bewerbung von Produkten omnipräsent und vermittelt das Gefühl wesentlich Konsument in einer unmittelbaren Umwelt zu sein, in der sich täglich Hunderte und Tausende von Menschen auf engstem Raum begegnen ohne sich zu Grüßen und ignorant voneinander.

Der Lifestyle in der Stadt der moderne

„Es war zu jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist …“

Der erste Satz von Hamsuns Novelle bereitet den Leser darauf vor, dass Kristiania nichts mehr mit der kleinstädtischen Idylle des 19. Jahrhunderts zu tun hat, die beispielsweise in dem Werk Theodor Fontanes prominent beschrieben wird. Die moderne Stadt ist etwas, was einen Eindruck auf seine Bewohner oder Besucher macht. Aus heutiger Sicht überrascht das niemandem mehr. Viele Touristen suchen das Verweilen in großen Städten wie London, Paris, New York oder Tokyo, andere suchen bestimmt nach Arbeits- und Studienplätze in den momentan angesagtesten Städten und dann am besten noch in den Szene-Stadtteilen. Jede dieser Metropolen kann mit einem bestimmten Lifestyle identifiziert werden, einer Art Geschmack, dessen Nähe von vielen Menschen gesucht wird. Hamsun ist einer der ersten, denen die radikal veränderte Ästhetik der modernen Stadt auffällt und der seine damit verbundenen Beobachtungen und Überlegungen literarisch verarbeitet.

Der Protagonist der Novelle bewirbt sich einmal für eine feste Anstellung als Buchhalter. Er formuliert dazu ein handschriftlich verfasstes Bewerbungsschreiben, das er aus Unaufmerksamkeit auf das Jahr 1848 datiert. Vorher hat er in einer Art Trance-Zustand bereits diese Jahreszahl mehrmals quer über ein leeres Blatt geschrieben, als er nach Inspiration für sein journalistischen Schaffen suchte. Als er vorstellig wird, um in Erfahrung zu bringen, ob er die Anstellung erhalten hat, bekommt er zu hören, dass es für einen Buchhalter essenziell sei, dass dieser kompetent mit Zahlen umgehen könnte. Die falsche Datierung disqualifiziere ihn entsprechend für diese Beschäftigung.

Vielleicht ist das Jahr 1848 ein Bezug auf das Erscheinungsjahr des Manifests der Kommunistischen Partei, eine der einflussreichsten Schriften für die Propagation von sog. progressiven Ideen, die einen Bruch mit der Philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts darstellen. Der Protagonist ist jedenfalls noch ein Mensch des bereits abgelaufenen Jahrhunderts, der sich noch nicht an das materiell-rationalistische Regime der Zahl gewöhnen konnte, wodurch er sich einige Unannehmlichkeiten hätte ersparen können.

Die unglaubliche Dynamik dieser Zeit führt dazu, dass sich die Verhältnisse dermaßen schnell verändert haben, dass ein gewöhnlicher Mensch aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr in der Lage wäre, sich in einer modernen Stadt zurechtzufinden. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nichts von der Faszination und Anziehungskraft zu erahnen, die vor allem junge Menschen heutzutage in die Metropolen zieht. Der zu erlebende Lifestyle hat sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht herausgebildet.

Nicht-reaktionärer Konservatismus

Die neue Realität in den Metropolen hinterlässt auch ihre Spuren an den Menschen, die in ihr leben. Die großen Einwohnerzahlen führen zu einer Verschmelzung von einzelnen Bürgern zu einer anonymen „Masse“. Vor dem 19. Jahrhundert wurde das Wort im Deutschen vorwiegend in seiner physikalischen Bedeutung benutzt. Walter Benjamin schildert in seinem „Passagen-Werk“ (1927-40 geschrieben, 1982 erschienen), wie sich der Begriff jedoch für die Beschreibung von großen Menschenansammlungen erweiterte, nachdem Deutsche das Paris der 1840-50er Jahre besuchten. Benjamin geht zurück in die jüngere Vergangenheit und versucht nachzuvollziehen, was sich zu jener Zeit in Paris veränderte. Er beschreibt, wie die ersten Häuserblöcke abgerissen wurden, um Platz für die ersten Passagen zu schaffen, in denen gleichermaßen Cafés und Geschäfte Bühnen zur Präsentation der aktuellen Moden wurden. Zeitungen begannen, in den zu diesem Zwecke neu gegründeten, Feuilletons über diese Moden zu berichten. Entsprechend tummelten sich vor allem die Autoren dieser Berichte, die Flaneure, in den Passagen. Zu dieser Zeit entstand auch das Flanieren, die bevorzugte Fortbewegungsart des Flaneurs, bei der das besonders langsame Vorankommen als chic gilt. Das hat dermaßen extreme Züge angenommen, dass es eine Saisons lang sogar als en vogue galt, mit einer Schildkröte an der Leine spazieren zu gehen. Aus pragmatischen Gründen wurde diese Praxis jedoch schnell wieder eingestellt und bildet einen Höhepunkt der Absurdität. Der Bummelnde führte seinen modischen Geschmack zur Schau und zeigte, dass er es sich erlauben könnte nicht in Eile zu sein. Es ist nicht ganz an den Haaren herbei gezogen, in diesen Charakteren einen Urtyp für die narzisstische Selbstdarstellung vieler heutiger Influencer zu erkennen.

Das neue Massenphänomen erschöpft sich jedoch nicht in den kuriosen Erscheinungen neuer Moden, sondern auch in der Art und Weise wie politischer Diskurs geführt wird. Massenkundgebungen dienen zur Anheizung für den buchstäblichen Wahlkampf, bei der die Partei gewinnt, deren Anhänger nach einer bestandenen Straßenschlacht noch in der Lage waren das Wahllokal aufzusuchen um ihre Stimme abzugeben. In diesen Praxen deutet sich bereits die moralische Verrohung und Tribalisierung der Gesellschaft an, die unter der Identitätspolitik des dritten Reiches und der Sowjetunion ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten.

Hamsuns „Hunger“ traf bei jungen deutschen Schriftstellern des frühen 20. Jahrhunderts auf besonderes Interesse. Die sich ständig weiterbeschleunigende gesellschaftliche Dynamik, die sich um das fin de siècle immer stärker Auflud, ist auch wesentlicher Gegenstand im Werk des deutschen Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann. Manns Werk lässt sich nur schwer einer zeitgenössischen Ordnung zuschreiben. Das liegt vielleicht daran, dass seine Bücher fast buchstäblich aus der Zeit fallen.

Thomas Mann ist noch einer der großen Autoren, die ein Projekt verfolgen. Die sich rapide wandelnden gesellschaftlichen Umstände, die nichts unverändert lassen, führen zu einem Interessanten Spannungsverhältnis dem sich der angehende Schriftsteller annimmt. Schnell verlieren Bräuche, Traditionen und Religion an Bedeutung, genauso wie das Augenmerk auf die Bewahrung und Pflege von familiären Strukturen, die typisch für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts waren. Es kommt in Kulturen immer wieder zu Phasen, in denen eine weite Varianz möglich wird. In solchen Zeiten scheint fast alles möglich und entsprechend schwer ist es, sich einen Überblick über die herrschenden Verhältnisse zu schaffen, da das herrschende Prinzip Chaos selbst ist. Hamsuns Lektüre kann in diesem Kontext als eine frühe Diagnose des Potentials gelesen werden, welcher Umfang an Veränderungen real möglich ist.

Als Sohn einer Lübecker Kaufmannsfamilie, die von den Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft profitieren konnte und dem klar war, welche schönen und nützlichen Dinge durch sie produziert worden sind, findet sich Thomas Mann in dieser turbulenten Zeit wieder. Es war nicht alles schlecht was war und es ist nicht klar, wohin die Reise führen wird. Klar ist nur, es wird sich viel ändern. Wie wichtig ist es in so einem Umfeld zu identifizieren, welche Dinge aus der Vergangenheit besonders nützlich und schön waren und die mit in die Gegenwart und Zukunft gerettet werden sollten?

Man kann sich das Problem folgendermaßen vorstellen: Müsste man sein Haus plötzlich verlassen und flüchtet in ein ungewisses Land, hat jedoch genug Zeit eine kleine Auswahl an Dingen mitzunehmen, was würde man einpacken? Da nicht klar ist, welche Bedingungen am Ende der Reise warten und man sonst nichts hat, ist es wichtig Dinge mitzunehmen, die in möglichst vielen Kontexten nützlich wären. Eine solche Flucht ist vergleichbar mit Zeiten massiver kultureller Transformation. Thomas Mann nimmt sich diesem Problem an, was ihn kurioserweise zu einer Art Konservativen macht, der jedoch absolut keine Tendenz zum Reaktionären hat. Sein Projekt ist konservativ, da es versucht etwas Altes zu bewahren und zu pflegen, doch gleichzeitig ist es nicht reaktionär, da die Instandsetzung einer alten Ordnung nicht angestrebt wird. Er akzeptiert den Lauf der Dinge und sucht nur nach solchen, die auch im Jenseits des Wandels bewahrungswürdig sind.

Hamsun und Mann sind zwei Autoren des frühen 20. Jahrhunderts, für die der Wandel und die Bewahrung in turbulenten Zeiten große Themen darstellen. Sie entdecken damit etwas, dass auch für den heutigen Leser von Relevanz ist. Die urbane Bevölkerung wächst stetig und mit ihr die Bedeutung der Stadt für die gegenwärtige Zeit. Währenddessen dominieren alternativloser Wandel und Ungewissheit kulturelle Diskurse. Vielleicht sind Hamsun und Mann heute aktueller, als es einigen gerne Recht wäre.

Christoph Fleischer

hat Philosophie und Literatur in Heidelberg und Berlin studiert. Seine Hauptinteressen liegen im Bereich der Anthropologie und Metaphysik, wo er sich Fragen im Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Technologie, Kultur und Religion widmet. Er bespielt dieses Magazin sowie den zugehörigen Youtube-Channel und Podcast.

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