24.1.2021 - keine Kommentare

Jordan Peterson VS Sam Harris: Glaube gegen Vernunft?

Geschrieben von Christoph Fleischer

Dieser Artikel basiert auf dem Skript eines YouTube-Videos von unserem Kanal. Das Video ist hier direkt eingebettet, kann jedoch auch direkt über YouTube angeschaut werden.

Die Debattenkultur ändert sich. Der Streit zwischen Jordan Peterson und Sam Harris ist dafür eines der besten Beispiele. Worum geht es bei diesem Streit zweier der beliebtesten Internetphilosophen?

Immer mehr intellektueller Diskurs findet im Internet statt, wie beispielsweise auf den Kanälen und Podcasts des so genannten „Intellectual Darknet“. Zwei der größten und prominentesten Figuren dieser neuen Art der Debattenkultur lieferten sich eine mehrstündige, hochkomplexe philosophische Auseinandersetzung, die mehrere Tausend live und noch einmal ein paar Millionen mehr über das Internet verfolgt haben.

Die Rede ist natürlich von Jordan Peterson und Sam Harris. Fast schon wie bei einem Boxkampf kann man die beiden Kontrahenten ihren Ecken zugehörig aufrufen, so eine Stimmung und Begeisterung lösen die beiden intellektuellen Schwergewichtsdenker mindestens einmal bei ihren jeweiligen Fan-Clubs aus. In diesem Video möchte ich auf die Argumente eingehen, die die beiden gegen den jeweils anderen ins Feld führen. Was denkt Harris? Was denkt Peterson? Und: Um was geht es eigentlich? Bleibt nur noch eins zu tun:

IDEEN
KOMPRIMIERT
1 Der Streit zwischen Jordan Peterson und Sam Harris dreht sich um die Frage, worin moralische Werte zu fundieren sind.
2 Sam Harris glaubt, dass das Problem durch die Etablierung einer moralischen Wissenschaft gelöst werden kann.
3 Jordan Peterson glaubt, dass eine Moral nicht ohne ein Metanarrativ fundiert werden kann.

In der roten Ecke, der psychologische Apologist, bewaffnet mit 2.000 Jahren christlicher Weisheit und einem besonderen Herz für Carl Gustav Jung und Fjodor Dostojewski. In der blauen Ecke, die Stimme der Ratio personifiziert, ausgerüstet mit den Werten der Aufklärung und des Humanismus, sowie einer fast schon endlosen Reserve an religiösem Skeptizismus: Jordan Peterson VS Sam Harris! Are you ready to rumble!

Ok, los gehts! Das Ziel in diesem Essay ist nicht die Diskussion zwischen den beiden Abtausch für Abtausch durchzugehen. Die Debatten haben sich über mehrere Stunden hingezogen und dabei haben sie sich mehr als einmal an ähnlichen Punkten verbissen, oder manchmal auch ein bisschen den roten Faden verloren. Damit also eine biblische Länge vermieden werden kann, konzentriere ich mich auf die Positionen von Harris und Peterson. Was sagt der eine, was sagt der andere? Und warum werden sie sich am Ende nicht einig? Also, fangen wir an, worum geht es?

Worum geht es?

Der Kern der Debatte dreht sich um eine extrem fundamentale Frage: Worin lassen sich die Werte einer Moral begründen? Generell existieren zwei offensichtliche Optionen mit dem Problem umzugehen: Die erste Möglichkeit besteht in einem behaupteten Dogmatismus. Das Problem, worin die Werte dann letztlich begründet liegen, wird per Definition und Autorität gelöst, wie es beispielsweise in religiösem Fundamentalismus, oder als säkulare Spielart, in politischer Ideologie, der Fall ist. Die zweite offensichtliche Antwortmöglichkeit besteht darin zu behaupten, dass jede Letztbegründung von solchen Werten lediglich willkürlich bleiben muss, da für keine fundamentale Wertehierarchie Gültigkeit über bloßes Definieren und autoritäres Durchsetzen behauptet werden kann. Die erste Spielart bezeichne ich im Folgenden als „Dogmatismus“, oder eben als „dogmatisch“, die zweite als „Relativismus“, oder eben als „relativistisch“.

Worüber sich Harris und Peterson einig sind, ist, dass beide Möglichkeiten unattraktiv sind. Sie wollen sozusagen keine mit der Faust durchgesetzte Moral, jedoch eben auch nicht keine Moral. Das macht die Sache deutlich komplizierter, jedoch auch im selben Maße interessanter. Harris und Peterson suchen also beide eine solide Fundierung von unseren moralischen Werten, jedoch sollen diese anscheinend auf eine noch unklare Art und Weise begründet werden, die nicht dogmatisch ist. 

Genau hier hören die Gemeinsamkeiten jedoch auch schon auf. Für Peterson besteht das grundsätzliche Problem in einem Ausbalancieren von Chaos und Ordnung, für Harris im Grad und der Qualität von rationalen Begründungen. Schauen Wir uns nacheinander an, wie sich die beiden vorstellen das Problem lösen zu können und warum sie miteinander in einen scheinbar unüberwindlichen Konflikt geraten.

Sam Harris: Rationale Begründungen

Das Projekt von Sam Harris besteht darin zu behaupten, und eben Argumente für diese Position vorzubringen, dass eine Fundierung von Moral, die weder dogmatisch noch relativistisch ist, auf Basis von rationalen Begründungen möglich ist. Für ihn besteht das Problem von Dogmatismus darin, dass Leute dadurch Dinge für wahr halten, für die kein ausreichender Grund besteht, sie für wahr zu halten: Sie werden eben schlicht blind geglaubt! Mit der Vorstellung des moralischen Relativismus hat Harris ebenfalls ein Problem. Er nutzt dafür seinen Begriff von „Well-Being“, den ich hier einfach mal frei als “Wohlbefinden” übersetze. Sein Argument ist in etwa: Man kann viele verschiedene moralische Kodizes ausformulieren und Menschen nach diesen Handeln lassen. Einige von diesen werden jedoch einen höheren Grad an Wohlbefinden stiften als andere und deswegen sind manche besser und manche schlechter. Die Crux besteht nun darin einen Vorschlag dafür zu machen, auf Basis von welchem Mechanismus eine Moral kodifiziert werden kann, die das Wohlbefinden, der nach ihr handelnden Menschen, maximiert.

Der Maßstab, an dem die Qualität von moralischen Werten und Regeln zu messen ist, besteht dann in dem Wohlbefinden, dass es für Menschen produziert. Das klingt erst einmal ganz hübsch. Und, wie kriegen wir das hin? Harris Antwort: Durch Wissenschaft!

Die Idee ist in etwa folgende: Wir können den wissenschaftlichen Prozess, also Experimente, Datenerhebungen, Theorienbildung etc., nutzen, um Faktoren menschlichen Wohlbefindens zu identifizieren. Sind solche identifiziert, können dieselben Methoden genauso darauf verwendet werden Vorschläge für die individuelle und gesellschaftliche Umsetzung von moralischen Inhalten zu produzieren. Durch diesen rationalen Verbesserungsprozess würden moralische Inhalte immer weiter zur Maximierung von menschlichem Wohlbefinden optimiert werden, analog wie wissenschaftliche Methode beispielsweise die Funktionsweise von Computern immer weiter verbessern kann.

Für Harris steckt im Begriff des Wohlbefindens bereits die Idee, dass nicht nur auf Gutes hingearbeitet werden soll, sondern, dass auch Schlechtes zu vermeiden ist: Entsprechend wäre es integraler Bestandteile einer solchen durch wissenschaftliche Prinzipien geleiteten Untersuchung guter moralischer Inhalte auch potentielle Quellen für Leid zu identifizieren und Vorschläge zu erarbeiten diese so umfassend wie möglich zu vermeiden.

Die durch einen wissenschaftlichen Prozess hergeleiteten moralischen Inhalte können, wie jedes andere wissenschaftliche Resultat, niemals absolute Gültigkeit für sich beanspruchen, sondern werden immer Gegenstand von rationaler Skepsis bleiben. So wie sich im Lauf der Zeit beispielsweise der Wissensstand der Physik entwickelt, also neue Einsichten werden eingeführt, so wie sich andere durch neue zu Tage geförderte Erkenntnisse als überholt herausstellen und aussortiert werden, wird es analog für moralische Inhalte gelten, dass diese jederzeit potentieller weiterer Optimierung zu Opfer fallen können. 

Gerade vor diesem Hintergrund lässt sich Harris Skepsis gegenüber Religion gut nachvollziehen. Zwar gesteht er durchaus ein, dass nicht alle religiösen Systeme in Bezug auf ihr Optimierungspotential für menschliches Wohlbefinden, sowie ihrer Fähigkeit zu einer Anpassung an neue Umstände im Laufe der Geschichte, gleich sind, jedoch sind sie in jedem Fall weniger optimal in Bezug auf diese beiden Belange als ein wissenschaftlicher Prozess. Neben diesem Hauptkritikpunkt sieht er außerdem ein gefährliches Potential in jeder Art von religiöser Struktur verborgen, die Menschen zu blindem Glauben, unkritischer Autoritätsgehörigkeit und dem Adaptieren von radikalen Ideen verführt. Zwar stimmt er zu, dass es wahr ist, dass in vielen religiösen Traditionen wertvolle Erkenntnisse über die Natur der menschlichen Psyche verborgen liegen, gleichzeitig ist er jedoch der Überzeugung, dass diese Nadeln auch ohne den Heuhaufen durch eine wissenschaftlich geleitete Untersuchung zu Tage gefördert werden könnten.

Ok, das ist ungefähr die Position von Sam Harris. Er möchte moralische Inhalte durch einen wissenschaftlichen Prozess produzieren und sie in demselben fundieren. Er sieht seine Idee als nicht-dogmatisch an, weil die Werte nicht durch willkürliche Autorität, sondern einen skeptischen und rationalen Diskurs ständig weiterverhandelt werden, und er glaubt damit einen Vorschlag gemacht zu haben, der genauso nicht-relativistisch ist, weil es zu jedem Zeitpunkt eine objektiv gültige Moral gibt, die sämtlichen zu diesem Zeitpunkt alternativen moralischen Systemen, in Hinblick auf ihr Potential menschliches Wohlbefinden zu produzieren, überlegen ist. So weit, so gut! Und was sagt Peterson?

Jordan Peterson: Die Grenzen der Vernunft

Wenn man sagen würde, dass Sam Harris neben Dogmatismus und Relativismus versucht einen dritten Weg zu finden, der beide Positionen verneint, dann macht Jordan Peterson ein bisschen das Gegenteil: Statt Dogmatismus und Relativismus zu verneinen, gesteht er beiden eine gewisse Wahrheit ein. Worin er eher ein Problem sieht, ist im Exzess in eine der beiden Richtungen. Zu viel Ordnung ist nicht gut, so ist aber auch zu viel Chaos. Dogmatismus und Relativismus interpretiert Peterson als die beiden Pathologien, die beiden extremen Endpunkte, auf der Ordnung-Chaos-Achse.

Das ist zum Beispiel auch gleich der erste Grund, warum er Harris kategorische Ablehnung von Religion nicht teilt. Bleiben wir für den Moment jedoch erst einmal ausschließlich bei Peterson. Seine Hauptmotivation für die Betonung von religiöser Mythologie liegt deutlich tiefer begründet und entstammt einer verhältnismäßig weniger populären Denktradition als die durch Wissenschaft und Rationalismus verankerte Perspektive von Harris.

Für Peterson kodieren die religiöse mythologischen Texte, wie zum Beispiel das alte, oder das neue Testament, das ägyptische Totenbuch und so weiter, bestimmte Formen von Wahrheiten, die vielleicht treffender als Weisheiten bezeichnet werden können. Diesen Charakter gewinnen die Texte jedoch nicht durch eine Art besonderer antik-wissenschaftlicher Einsicht, sondern durch ihre narrative Form.

Letztendlich hat jeder Mensch eine psychologische Realität. Diese scheint jedoch eher auf Basis von narrativen, als auf wissenschaftlichen, Kategorien zu operieren. Menschen verstehen sich und ihre Umwelt primär narrativ. Alles was Bedeutung trägt, trägt diese nur vor dem Hintergrund einer Geschichte und als Bestandteil in einer Geschichte. Fragt man sich beispielsweise mal selbst in einem Moment der Ruhe, wer man denn eigentlich sei und warum man das tut, was man tut, wird die Antwort in der Form eines Narrative ausfallen. Diese Art von Geschichte wäre beispielsweise eine Biographie.

Alles was Bedeutung trägt, kann diese also nur in Relation zu einer Geschichte tragen. Bedeutung ist relativ, und zwar relativ zum Kontext. Ob eine Pistole Rettung oder den sicheren Tod verspricht, hängt nicht unwesentlich davon ab, auf welcher Seite des Laufs sich der eigene Kopf befindet. Was also etwas bedeutet wird erst im Kontext einer Geschichte gestiftet.

Jetzt gibt es jedoch mehr als nur eine Geschichte. Nehmen wir als Beispiel einen kleinen Jungen, der gerade vom Fußballplatz kommend von seinem Vater abgeholt wird. Beim Spielen eben hat er vielleicht noch ein Ronaldo- der Messi-Trikot getragen und sich versucht selbst als Schauspieler einer heldenhaften Fußball-Geschichte zu inszenieren. Jetzt sitzt er aber wieder im Auto mit Papa und nun ist dieser wieder sein Vorbild, dem er versucht nachzustreben. Entsprechend muss es der kleine Junge schaffen eine Hierarchie von verschiedenen Geschichten miteinander zu einer kohärenten, sagen wir, „Supergeschichte“ zu verbinden. Diese „Supergeschichte“ können wir als Metanarrativ bezeichnen, also als eine Geschichte, die sich über viele verschiedene Geschichten erstreckt. 

Peterson versteht mythologisch-religiöse Geschichten als „Supernarrative“, oder eben Metanarrative, in genau diesem Sinn. Sie sind die fundamentalen Schablonen, die wir auf die Welt anwenden können, um aus ihr Sinn zu machen. Jetzt stellt sich jedoch eine wichtige Frage: Gibt es nur eine oder mehrere verschiedene Metanarrative? Und, es gibt mehrere! Buddhismus wäre eines, die jüdische religiöse Lehre ein anderes. Manche Metanarrative sind sich ähnlicher, wie beispielsweise Katholizismus und Protestantismus, andere unterscheiden sich stärker, so wie die Inhalte der islamischen Lehre und die olympische Mythologie des antiken Griechenlands. 

Metanarrative sind für Peterson jedoch keine starren Systeme, sondern können über bessere oder schlechtere Mechanismen zur Selbstmodifikation verfügen. Das kann man sich so vorstellen, dass Metanarrative eben nicht nur Geschichten sind, die sich über viele verschiedene Geschichten erstrecken, sondern gleichzeitig auch Geschichten über Geschichten sind. Im Christentum identifiziert Peterson den Mechanismus zur Selbstkorrektur als die moralische und politische Integrität des Individuums, gestiftet als das Ebenbild Gottes, sowie einer Obsession mit der kompromisslosen Suche nach Wahrheit. 

In einem Meta-Narrativ fundiert, produziert dieser Mechanismus zur Selbstmodifikation, die zu einer bestimmten Zeit geltenden moralischen Werte. Hier besteht ein wesentlicher Unterschied zu dem Vorschlag von Sam Harris. Harris verwirft sowohl Dogmatismus als auch Relativismus und schlägt einen davon unabhängigen dritten Weg vor. Peterson akzeptiert eine Wahrheit von beiden, die richtig ausbalanciert werden muss. Wir sind jetzt in der Position verstehen zu können, was er damit meint:

Ein zu starker Akzent zu Gunsten des Dogmatismus würde eine zu radikale Fixierung des Metanarrativs nach sich ziehen und somit den Mechanismus zur Selbstkorrektur außer Kraft setzen. Die Folge ist ein obsessives Kontrollieren der bestehenden moralischen werte, unabhängig davon, wie gut oder schlecht sie funktionieren. Peterson bezeichnet diesen Zustand als Pathologie der Ordnung. Genauso katastrophal ist für ihn jedoch die Aussicht des moralischen Relativismus. Dieser folgt aus einem zu motivierten Verwenden des selbstkorrigierenden Mechanismus des Metanarrativs, ohne ausreichenden Respekt vor der bestehenden Ordnung. Die Folge ist, dass zu viele Änderungen in zu kurzer Zeit durchgeführt werden und das Metanarrativ kann seine kohärente Einheit nicht bewahren. Peterson bezeichnet diesen Zustand als Pathologie des Chaos. Die Folge ist ein obsessives Ablehnen der bestehenden Ordnung generell, beziehungsweise, alternativ, ein Errichten von mehreren parallelen moralischen Ordnungen, die in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen.

Petersons Vorschlag für die Fundierung von Moral sieht es also vor die richtige Balance zwischen Dogmatismus und Relativismus, beziehungsweise zwischen Ordnung und Chaos zu finden. Es wäre eine Situation, in der ein Metanarrativ statisch genug wäre, um seine positive bedeutungsstiftende Funktion zu erfüllen, gleichzeitig jedoch auch fluid genug, um genug Selbstkorrektur zu ermöglichen, um sich an die sich ständig verändernden Umstände anzupassen. Jetzt wissen wir was Harris und Peterson wollen, schauen wir uns also an warum sich die beiden nicht einig werden.

Peterson VS Harris: Glaube gegen Vernunft?

Ok, wir wissen jetzt worin Peterson und Harris übereinstimmen: Sie versuchen beide moralische Werte zu begründen, ohne dass auf dogmatische oder relativistische Vorschläge zurückgegriffen werden muss. Während Harris einen unter der Schirmherrschaft der Wissenschaft geleiteten moralischen Diskurs fordert, meint Peterson, dass jeweils Dogmatik und Relativismus eine positive Wahrheit verbürgen, die Gefahr einer potentiell exzessiven Ordnung des Dogmatikers jedoch mit dem exzessiven Chaos eines Relativisten ausbalanciert werden muss.

Warum besteht zwischen diesen beiden Ansichten ein Konflikt? Harris teilt nicht Petersons Enthusiasmus für den Wert von religiösen Metanarrativen. Es ist nicht so, dass er alle gleichermaßen verteufeln möchte. Für ihn stellen sie jedoch mögliche Quellen für Dogmatismus dar, weswegen es besser wäre gar keine solchen, auf blinden Glauben basierenden, Systemen Folge zu leisten. Zwar gesteht er ein, dass sich in den religiösen Denkruinen manch ein Schatz von psychologischer Relevanz verborgen hält, und er sieht auch einen positiven Wert darin solche versteckten Diamanten ausfindig zu machen, gleichzeitig stellt er jedoch fest, dass dafür kein Glaube an irgendein religiöses Dogma von Nöten ist.

Harris hält es nicht für notwendig moralische Werte in einem Metanarrativ zu fundieren. Seiner Ansicht nach, ist es durch einen rationalen wissenschaftlichen Prozess möglich, Fakten über den Menschen sowie über die Verhasstheit der Welt zu sammeln, auf deren Basis eben selbiger unter der Schirmherrschaft der Wissenschaft geleitete Prozess auf Basis der aktuellen Faktenlage möglichst gute moralische Werte ableitet. Für Harris sind in diesem Zusammenhang Narrative lediglich alternative Formen der Kommunikation. Als solche würde er ihnen auch im Dienste von moralischer Propaganda einen positiven Nutzen zugestehen.

Peterson hat jedoch einige interessante Einwände. Zunächst einmal verweist er darauf, dass Harris doch eigentlich Sollen-Sätze aus Ist-Sätzen herleitet und darin ein besonders problematischer Teil von seiner Argumentation besteht. Worauf Peterson hier hinweist, stammt ursprünglich von dem schottischen Philosophen David Hume und ist als „Humes Gesetz“ in der philosophischen Tradition bekannt. Es ist ein metaethischer Einwand, also ein Einwand, der grundsätzlich über jede Form von ethischem beziehungsweise moralischem System gemacht wird, der behauptet, dass nicht ohne weiteres von einer beschreibenden faktischen Aussage auf eine normative Forderung, die Handlungsanweisungen enthält, geschlossen werden kann. Kurz gesagt: Das jemand etwas Bestimmtes über einen Gegenstand der Welt herausgefunden habt, versetzt diesen nicht in die Lage eine Aussage davon ableiten zu können, wie mit diesem Sachverhalt umzugehen ist. 

Wenn Harris sagt, dass er unter zu Hilfenahme von wissenschaftlicher Methode Fakten sammeln möchte, von denen er moralische Werte ableiten will, dann ist erst einmal schwer einzusehen warum Petersons Kritik nicht treffend sein sollte. Verstößt Harris also gegen „Humes Gesetz“? Harris versucht den Einwand zu parieren, indem er darauf verweist, dass man sich doch eine Situation vorstellen könnte, in der irgendjemand absolutem Leid ausgesetzt wäre und man sich doch darauf einigen könnte, dass Handlungen, die von diesem Zustand wegführen als moralisch wünschenswerter zu bewerten wären, als Handlungen, die zu diesem Zustand hinführen. Auf Basis dieses so gestifteten Koordinatensystems von „Gut“ und „Böse“ könnte anschließend die wissenschaftliche Methode benutzt werden, um entsprechend moralische Werte identifizieren zu können, die eher zu Situationen führen, die dem Guten entsprächen, als dem Bösen.

Ich glaube es lohnt sich hier einen kurzen Moment inne zu halten, da es glaube ich einer, wenn nicht sogar der, Knackpunkt der ganzen stundenlangen Debatten zwischen den beiden ist. Peterson gibt sich mit der Antwort von Harris nicht zufrieden. Wenn Harris das Problem über eine ideale Konzeptualisieren von „Gut“ und „Böse“ versuchen möchte zu lösen, dann würde Harris genau so eine metanarrative Struktur Vorschlagen, von denen er vorher noch meinte, dass er sie weder selbst bräuchte, noch irgendwo sonst sehen möchte. Hier bleiben die beiden mehrmals stecken. Ich glaube aber ehrlich gesagt, dass Peterson einen ziemlich guten Punkt hat. 

Im Endeffekt sagt Peterson in etwa: „Klar Sam, ich stimme mit Deinen Idealisierungen von Gut und Böse überein und ich ich bin auch damit einverstanden, dass wir hin zum Guten und weg vom Bösen gehen wollen. Aber wo hast du es her, Dein Gutes und Dein Böses?“

Und hier meint Peterson, dass nur zwei Möglichkeiten offen stehen würden. Entweder Harris würde eingestehen, dass die moralischen Sätze, die er durch Ableitung von wissenschaftliche gesammelten Fakten gewinnen möchte, tatsächlich moralische Sätze sind, die von faktischen Sätzen abgeleitet wurden, doch dann würde er gegen „Humes Gesetz“ verstoßen und dann wäre nicht klar, warum sein Argument gültig wäre. Oder aber, er baut ein vor-faktisches Metanarrativ, dass die Bedeutung von Gut und Böse bestimmt, so dass er auf Basis dieser Definitionen seinen wissenschaftlichen Motor moralische Sätze produzieren lassen kann.

Es ist ein interessanter Einwand und kein unwesentlicher Teil von Petersons eigenem philosophischen Werk versucht gerade dieses Problem, dass er Harris vorhält, zu lösen. Gerade weil Peterson glaubt, dass Metanarrative psychologisch essentielle Inhalten wie „Gut“ und „Böse“ mit Inhalt füllen müssen, hält er an ihnen fest. Das, was man als „Fakten“ in der Welt beobachten würde, hängt nach dieser Auffassung untrennbar mit den a priorischen psychologischen Inhalten zusammen, die in einem Metanarrativ kodifiziert werden. Oder anders gesagt: Wir finden die Welt als die Bühne vor, die zu der Geschichte passt, die wir uns erzählen. 

Bleibt nur noch das letzte Wort übrig, dass diesmal an niemand geringeres als William Shakespeare geht. In seinem Stück, „As you like it“ (dt. „Wie es euch gefällt“), lässt er den Charakter Jacques folgendes reflektieren:

All the world’s a stage,
And all men and women merely players.
They have their exits and their entrances,
And on man in his time plays many parts,

Die ganze Welt ist Bühne,
Und alle Frauen und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
Sein Lebenlang spielt einer viele Rollen,

Christoph Fleischer

hat Philosophie und Literatur in Heidelberg und Berlin studiert. Seine Hauptinteressen liegen im Bereich der Anthropologie und Metaphysik, wo er sich Fragen im Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Technologie, Kultur und Religion widmet. Er bespielt dieses Magazin sowie den zugehörigen Youtube-Channel und Podcast.

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