19.6.2020 - keine Kommentare

Kafka: Lyrik in der Prosa

Geschrieben von Christoph Fleischer

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Es ist nicht immer alles, wie es auf den ersten Blick erscheint: Kafkas idiosynkratischer Schreibstil lohnt deswegen einen zweiten.

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Dieser Satz bildet den Auftakt von Franz Kafkas Roman-Fragment, „Der Prozess“. Er ist gleichermaßen berühmt und unter den ersten Sätzen der Weltliteratur einer der faszinierendsten.

In der Lyrik ist das Gewicht an Bedeutung, das ein einzelnes Wort oder ein einzelner Satz zu tragen hat, häufig schwerwiegender als in der Prosa. Das liegt in vielen Fällen schlicht in den Eigenheiten des lyrischen Mediums begründet. Gerade Gedichte sind häufig im Vergleich zu den großen Romanen recht kurz ausfallend. Entsprechend trägt jedes einzelne Wort einen signifikant größeren Anteil am Gesamtwerk. Daraus folgt sowohl für den Dichter, als auch für den späteren Leser, der das Gedicht verstehen möchte, dass jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden muss. Beispielsweise ist eine häufig angewandte Praxis beim Interpretieren von Gedichten das Austauschen von einzelnen Wörtern mit bedeutungsähnlichen, um aus dem daraus entstehenden Unterschied einen Startpunkt für mögliches Verständnis zu erlangen.

Bei Romanen ist ein so genaues Abwiegen von einzelnen Wörtern oder Sätzen in vielen Fällen weniger Relevant für die gesamte Bedeutung des Werks. Das ist analog aus mathematischen Gründen der Fall, da es sich häufig um mehrere hundert gefüllte Seiten handelt und was macht da schon ein Wort oder ein Satz aus. Die Autoren selbst nutzen deswegen in der Regel andere Arbeitsmethoden als beim Schreiben von Gedichten. Grundsätzlich gilt das auch für das Romanfragment, „Der Prozess“, doch Kafkas idiosynkratischer Schreibstil fordert dem Leser häufig ein quasi-lyrisches Auge ab. Dieser Sachverhalt wird am besten durch die zwei Hauptlinien veranschaulicht, nach denen der „Prozess“ interpretiert wird und deren Differenzen bereits am ersten Satz deutlich zu Tage treten.

IDEEN
KOMPRIMIERT
1 Kafkas Protagonist im Prozess-Fragment wird häufig als Opfer wahrgenommen.
2 Seine Literatur liest sich in vielen Fällen eher wie Lyrik als wie Prosa, entsprechend kann genaues Lesen seine Idiosynkrasien aufdecken.
3 Der erste Satz des Prozess-Fragments ist dafür ein gutes Beispiel, in dem der Protagonist direkt dem Leser als Täter – und nicht als Opfer – vorgestellt wird.

Beim Lesen eines Romans ist der erste Satz der wichtigste. Wenn der jeweils nächste Satz gelesen wird, erschöpfen die bisher durch den Leser gelesenen Sätze den gesamten Kontext. Der erste Satz bildet entsprechend den gesamten Kontext für den zweiten Satz, die ersten beiden Sätze für den dritten Satz und so weiter. Entsprechend ist der erste Satz derjenige, der die häufigsten kontextschaffenden Zyklen durchmacht. Das ist einer der Gründe dafür, warum viele Auftaktsätze von Romanen besonders beeindruckend wirken und in Erinnerung bleiben. Beispiele dafür sind Knut Hamsuns erster Satz aus „Hunger“ („Es war zu jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist…“), Tolstois erster Satz aus „Anna Karenina“ („Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.“) oder eben Kafkas erster Satz aus dem „Prozess“-Fragment.

Je nachdem wie der Leser den ersten Satz aus dem „Prozess“ versteht, wird er jeweils einen inhaltlich anderen Text lesen. Eine populäre Art des Zugangs zu einigen Texten Kafkas, basiert auf der Grundannahme, dass sie von dem hoffnungslosen Ausgeliefertsein des Individuums gegenüber einem übermächtig wirkenden und stets anonym bleibenden bürokratischen Apparat handeln. Aus einer solchen Auffassung leitet sich auch die geläufige Verwendung des geflügelten Wortes „kafkaesk“ her. Beispielsweise verglich eine große deutsche Zeitung während den Snowden-Aufdeckungen die Überwachungswut amerikanischer und britischer Geheimdienste mit dem intransparenten Gericht und seinen Schergen, denen sich Josef K. im Laufe von Kafkas „Prozess“ immer wieder ausgeliefert sieht. Leser, die den Text so verstanden haben wollen, verweisen gerne auf den ersten Satz als erstes Indiz für die Integrität dieser Bewertung. Es ist doch ganz klar: Josef K. wurde verleumdet, denn er hat nichts Böses getan und ist verhaftet worden. So wird der erste Satz als eine Eröffnungsszene zur unrechtmäßigen Jagd auf die Freiheit von Josef K. gemacht.

Wird der Satz jedoch etwas genauer unter die Lupe genommen, fast lyrisch behandelt, ergibt sich jedoch eine komplett andere Lage. Der erste Satz behauptet, dass es sein muss, dass Josef K. verleumdet wurde. „Müssen“ ist ein sehr starker eingeforderter Standard für die Integrität des Behaupteten. Wenn es sein muss, dann bedeutet das, dass es nicht anders sein kann. Es wird auch eine Begründung dafür angegeben, warum es so sein muss. Diese besteht in dem Verweis darauf, dass Josef K. nichts „Böses“ getan hat und dennoch verhaftet wurde. Jetzt kann entsprechend gefragt werden: Ist es wirklich der Fall, dass man durch jemanden verleumdet werden müsste, damit man, ohne dass man etwas Böses getan hätte, eines Tages verhaftet wird? Diese Frage ist klarerweise zu verneinen. Beispielsweise könnte bereits etwas so profanes wie eine simple Verwechslung dazu führen, dass jemand Verhaftet wird, ohne dass er etwas Böses getan hat und ohne dass eine Verleumdung ausgesprochen wurde. Darüber hinaus kann auch noch darauf verwiesen werden, dass die Kategorien von Gut und Böse nicht juristisch relevant sind. Juristisch relevant ist nur die Frage nach Schuld oder Unschuld, nicht aber, ob das Getane als moralisch gut oder böse bewertet wird. Alles in allem verbürgt die angegebene Begründung nicht die Behauptung der Verleumdung.

Es ist wahrscheinlich anzunehmen, dass Kafka, als promovierter Jurist, sich über den Unterschied zwischen moralischen und juristischen Kategorien im Klaren war. Entsprechend ist die Frage danach, was dieser rhetorische Taschenspieler-Trick über Josef K. verrät interessant. Wenn ein Angeklagter vor Gericht den Anwesenden erklären würde, dass er doch eigentlich nichts Böses getan habe, dann bedeutet das in der Regel, dass er selbst genau weiß, dass er schuldig ist und einen letzten verzweifelten Versuch der Ablenkung unternimmt. Das lässt vermuten, dass es sich bei Josef K. nicht um ein Opfer, sondern eigentlich um einen Täter handelt.

Auch wenn nicht das gesamte Ausmaß möglicher Missetaten Josef K.’s zu Beginn des Textes bekannt sind, weist der erste Satz nicht nur auf diese Möglichkeit hin, sondern bestärkt sie sogar. Das liegt am Vorwurf der Verleumdung selbst. Wenn ich behaupte, dass ich von jemandem verleumdet werde und ich ausreichend gute Gründe für diese Behauptung schuldig bleibe, dann verleumde ich damit automatisch denjenigen, dem ich den Vorwurf ursprünglich gemacht habe. Wenn entsprechend behauptet wird, dass Josef K. von jemandem verleumdet wurde, verleumdet Josef K. eigentlich jemanden. Der Protagonist macht sich damit mindestens einmal dem Vorwurf der Verleumdung schuldig.

Wenn ein Leser nicht auf den genauen Wortlaut achtet und diesen hinterfragt, wird er schnell von Kafka auf eine falsche Fährte gelockt. Es ist schon ein gewaltiger Unterschied, ob Josef K., als Opfer, ein hilfloses Individuum ist, dass sich in einer Welt wachsender Überwachungskapazitäten und der fortschreitenden Akkumulation von Macht zentraler Institutionen schutz- und schuldlos ausgeliefert findet, oder ob er schuldig gewordener Täter ist, dem der Prozess gemacht wird.

Es ist ungewöhnlich für Prosa, dass Sätze vorkommen, die adäquat nur mit lyrischer Präzision verstanden werden können. Fast noch ungewöhnlicher ist es, dass das „Prozess“-Fragment von Kafka eine romantypische Länge von wenigen hundert Seiten umfasst und Leser häufig selbst dann nicht von ihrer Auffassung von Josef K., als Opfer, abweichen, wenn sie den gesamten Text gelesen haben. Da der Text jedoch auch mit der Interpretation von Josef K., als Täter, kohärent verstanden werden kann, können die hier formulierten Einwände nicht als Ausnahme verworfen werden. Der Text ist so geschrieben, dass beide Auffassungen von Josef K. eine hinreichende Kohärenz zulassen, dass ein Leser sein Verständnis des ganzen Textes darauf aufbauen kann, ohne am laufenden Band mit offensichtlichen Widersprüchen konfrontiert zu werden. Es ist fast so, als ob der entscheidende Unterschied lediglich darin bestünde, ob der erste Satz lyrisch oder prosaisch gelesen wird.

Christoph Fleischer

hat Philosophie und Literatur in Heidelberg und Berlin studiert. Seine Hauptinteressen liegen im Bereich der Anthropologie und Metaphysik, wo er sich Fragen im Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Technologie, Kultur und Religion widmet. Er bespielt dieses Magazin sowie den zugehörigen Youtube-Channel und Podcast.

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