27.9.2019 - 2 Kommentare

Kant & Newton: Wie Wissenschaft ihren Weg in das Bewusstsein der Welt fand

Geschrieben von Christoph Fleischer

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Der Zusammenhang zwischen Kultur und Natur ist zwar nicht immer transparent, trotzdem scheint es doch bestimmte Domänen zu geben, die losgelöst von biologischem und psychologischem Einfluss scheinen. Das gilt jedoch nicht für Mathematik und Physik.

In diesem Artikel versuche ich einen Zusammenhang zwischen biologischer oder physiognomischer Realität und Kultur herzustellen. Während es einige triviale Fälle gibt, bei denen eine solche Verbindung von den meisten nicht geleugnet wird, möchte ich zeigen, dass sie bis in den Bereich des Mathematischen und Physikalischen verfolgbar ist. Als Beispiel dafür möchte ich transparent machen, wie das Verhältnis zwischen Immanuel Kants und Issac Newtons Begriffen von Raum und Zeit zu denken ist, und warum sie ein für diese Frage nutzbar zumachendes Spannungsverhältnis darstellen.

Die Sinnkrise der Philosophie im 18. Jahrhundert

Die Philosophie hatte im 18. Jahrhundert eine Sinnkrise zu durchstehen. Während eine der Hauptbeschäftigungen vorkantianischer Philosophie darin bestand das Wesen von Dingen auszuformulieren, das heißt danach zu fragen, was es genau ist, dass etwas zu dem macht, was es ist, zweifelten viele Denker immer mehr an der Nützlichkeit ihrer Methode, da sie auf purer Spekulation basierte. Als entscheidender Beitrag zur Überwindung dieser Art von Philosophie gilt die 1748 erschienene skeptische Schrift „An Enquiry Concerning Human Understanding (dt. Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes)“ des schottischen Philosophen David Hume. Neben den Argumente des schottischen Philosophen, in denen Kant Verbündete gegen die spekulative Philosophie erkannte, war er auch von der physikalischen Theorie Newtons beeindruckt, die in mathematischen Gleichungen formulierte Vorhersagen treffen konnte, die durch ein Experiment überprüft werden konnten.

IDEEN
KOMPRIMIERT
1 Kultur wird durch die biologische und psychologische Grundlage von Menschen beeinflusst.
2 Die Überlappung zwischen phänomenologischer Wahrnehmung von Raum und Zeit und der ersten physikalischen Formulierung von Raum und Zeit unterstützte die Akzeptanz naturwissenschaftlicher Methode.
3 Selbst der Inhalt von Mathematik und Physik hat eine Verbindung zum biologischen und psychologischen Fundament des Menschen.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant veröffentlichte 1781 sein wohl bekanntestes Werk, die „Kritik der reinen Vernunft“. Gegenstand des Werks ist die Frage nach der Bestimmung der Grenzen des Verstandes, und die damit verbundene Frage nach der Legitimation von philosophischen Behauptungen. Auf Basis des Grundsatzes, dass alles Wissen durch Erfahrung begründet sein muss, nutzt er einen neuen Typ von Argumenten, sogenannte Transzendental-Argumente, um für die Philosophie einen Platz im wissenschaftlichen System zu finden.

Die Möglichkeit eine neue Philosophie betreiben zu können, die in einer Art Experiment reproduziert werden kann, und sich von der traditionellen Spekulation fern hält, sieht Kant in seiner Struktur des transzendentalen Arguments reflektiert. „Transzendental“ bedeutet hier „Bedingung der Möglichkeit“, und so untersuchen die Argumente nicht die wesentliche Beschaffenheit von etwas, sondern fragen, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit ein bestimmter Sachverhalt möglich ist. Ein Beispiel wird helfen: Transzendentales Rauchen würde eine Zigarette und ein Feuerzeug umfassen, denn ohne eine Zigarette und ein Feuerzeug besteht nicht die Möglichkeit zu Rauchen. Das bedeutet jedoch nicht, dass in dem Moment geraucht wird, sobald ein Feuerzeug und eine Zigarette bereitstehen, sondern lediglich, dass sie in ihrem Vorhandensein die Möglichkeit des Rauchens darstellen.

Die Struktur der Erfahrung: Raum und Zeit

Mit Hilfe von transzendentalen Argumenten untersucht Kant die Strukturen von Erfahrung. Er beginnt seine „Kritik der reinen Vernunft“ mit der „Transzendentalen Ästhetik“. Der Begriff „Ästhetik“ hat im Laufe des späten 18. und 19. Jahrhunderts seine Bedeutung geändert. Während heute darunter so etwas verstanden wird wie die „Lehre von den angewandten Gesetzen der Schönheit“, existiert noch die ältere Bedeutung, die sich direkt auf den griechischen Ursprung aisthētós (αἰσθητός) „wahrnehmbar“ zurückgeht und mit aisthētikós (αἰσθητικός) „durch die Sinne wahrnehmen, empfinden fühlen“ ein semantisches Feld bilden. Kant meint die ältere Bedeutung des Begriffs, so dass „transzendentale Ästhetik“ sich in „Bedingungen der Möglichkeit sinnlicher Wahrnehmung“ übersetzt.

Als solche Bedingungen der Möglichkeit von sinnlicher Wahrnehmung identifiziert Kant Raum und Zeit, als a priori-Konzepte. Die Unterscheidung zwischen a priori und a posteriori ist wichtig bei Kant. Unter „a priori“ ist zu verstehen, dass es sich um etwas handelt, dass unabhängig von Erfahrung vorliegt, während „a posteriori“ etwas beschreibt, das nur durch den Inhalt wirklicher Erfahrung entschieden werden kann. Jeweils ein Beispiel: Heute hat es geregnet! Diese Behauptung ist a posteriori, da nur durch gemachte Erfahrung entschieden werden kann, ob es heute wirklich geregnet hat, oder nicht. Junggesellen sind unverheiratet! Das ist eine Aussage, die a priori wahr ist, da nicht eine Art von soziologischer Untersuchung benötigt wird, bei der man möglichst alle Menschen der Welt fragt ob sie erstens Junggesellen sind und zweitens ob sie unverheiratet sind, sondern es folgt bereits aus der Bedeutung der Begriffe selbst, dass die Aussage korrekt ist. Entsprechend fordert Kant, wenn er behauptet das Raum und Zeit Konzepte a priori sind, dass losgelöst von gemachter Erfahrung bereits ein Begriff von Raum und Zeit feststehen muss.

Die Rechtfertigung Kants für diese komplizierte Behauptung besteht darin, dass er darauf hinweist, dass Raum und Zeit keine Konzepte sind, die durch Erfahrung begriffen werden, sondern andersherum, Raum und Zeit bereits Kategorien sind, nach denen jede Erfahrung strukturiert ist. Der Unterschied zwischen dem Inhalt und der Struktur der Erfahrung wirkt unter Umständen im ersten Moment abstrakt, und vielleicht ist auch noch nicht ganz klar, was damit gemeint ist. Die Informationen die durch die Sinnesorgane, wie die Augen oder Ohren, aufgenommen werden, liefern zunächst lediglich eine Menge an Informationen. Augen unterscheiden sich technisch erst einmal nicht von Kameras, und Ohren nicht von Mikrofonen. Jetzt kann man die Frage stellen, was Kameras sehen oder was Mikrofone hören. Sie sehen und hören nicht wirklich etwas, sondern sie registrieren lediglich eine Eingabe. Bei den Augen und Ohren geschieht es analog, und das etwas(!) gesehen werden kann, erfordert, dass das Gehirn das durch das Auge Wahrgenommene in eine Form presst, den durch das Auge registrierten Informationen also eine Struktur gibt. Liegt eine solche Struktur vor, dann kann auch sinnvollerweise davon gesprochen werden, dass die Erfahrung einen Inhalt hat. Beispielsweise wird ein Zeuge von einem Verkehrsunfall nie in der Lage sein zu beschreiben, was er beobachtet hat, wenn die Inhalte seiner Erfahrung nicht nach bestimmten kategorialen Unterscheidungen wie beispielsweise Quantität oder Kausalität sortiert sind. Ansonsten wäre keine Bezugnahme durch Wörter wie „ein“ oder „weil“ möglich.

Mit Bezug auf Kant bedeutet das, dass Erfahrung selbst etwas ist, das stets in den Kategorien von Raum und Zeit kontextualisiert vorliegt, entsprechend „Raum“ und „Zeit“ Konzepte sein müssen, die unabhängig von Erfahrung vorbestehen müssen. Kants transzendentale Argumente sollen dem Anspruch gerecht werden, stets durch ein eigenes Experiment bestätigt werden zu können. In Bezug auf seine Behauptungen in der transzendentalen Ästhetik heißt das, dass sich jeder Leser nun selbst davon überzeugen kann, und er sich nicht vorstellen kann, Raum und Zeit anhand der eigenen Erfahrung ableiten zu können, da jede Art von Erfahrung bereits in ihr kontextualisiert ist.

Von Raum und Zeit zur Raumzeit

Die a priori-Konzepte von „Raum“ und „Zeit“ beschreibt Kant ihrem Inhalt nach wie Newton Raum und Zeit in seiner Gravitationstheorie auffasst. Der kantische Raum, der die Erfahrung strukturiert, ist genau wie der newtonische Raum ein flacher dreidimensionaler Raum, was als euklidischer Raum bezeichnet wird. Es ist der Raum, den Kinder in der Schule mathematisch untersuchen, und in dem Dreiecke eine Innenwinkelsumme von 180° aufweisen. Das gilt nicht für jeden geometrischen Raum. Ist der Raum beispielsweise gekrümmt, dann ergibt sich eine Innenwinkelsumme ungleich 180° für Dreiecke. Zum Beispiel können auf einem Luftballon drei unterschiedliche Punkte beliebig markiert werden, und wenn er aufgeblasen wird und die drei Punkte miteinander verbunden werden, ergibt sich ebenfalls ein Dreieck. Misst man jeden einzelnen Winkel an den jeweiligen Ecken und addiert die drei daraus resultierenden Werte, ergibt sich eine Innenwinkelsumme von mehr als 180°, die umso größer abweicht, je gekrümmter die Oberfläche ist, auf der das Dreieck aufgezeichnet wird. Analog kann beispielsweise auf die Innenseite einer Schale das gleiche Experiment wiederholt werden, und werden diesmal die drei Innenwinkel des Dreiecks gemessen, ergibt sich eine Summe kleiner als 180°. Auch diese wird umso kleiner Ausfallen, je gekrümmter die dem Dreieck zugrundeliegende Fläche ist. Kants und Newtons Raum ist der flache euklidische Raum, den alle aus der Schule kennen.

Während Newtons mechanische Physik bis heute ihre Nützlichkeit behaupten kann, alle Flugzeuge, Autos und Schiffe werden bis heute nach ihrem mathematischen Modell konstruiert, hat ihr naturphilosophischer Status an Bedeutung verloren. Einsteins allgemeine Relativitätstheorie vermag weitaus mehr experimentelle Beobachtungen akkurat vorherzusagen und ermöglicht beispielsweise technologische Applikationen wie das globale GPS-System. Würde die newtonische Gravitationstheorie zur Positionsbestimmung genutzt werden, würden die Lokalisierungen weit abdriften. Einsteins Theorie, deren Grundlagen er 1915 der Preußischen Akademie der Wissenschaften vortrug, arbeitet mit einem komplett anderem Verständnis von Raum und Zeit als Newtons Theorie. Während Newton einen dreidimensionalen euklidischen Raum und eine absolute Zeit als Grundlage für seine Überlegungen annimmt, behauptet die allgemeine Relativitätstheorie eine vier-dimensionale Raumzeit. Diese wird durch Anwesenheit von Masse bzw. Energie gekrümmt. Die Austauschbarkeit von Energie und Masse wird durch die berühmte Gleichung E = mc2 ausgedrückt.

Einsteins bahnbrechende Theorie lässt Leute bis heute in schierer Verwunderung zurück, da die Forderung nach einer vier-dimensionalen Raumzeit unvorstellbar scheint. Es gibt jedoch Möglichkeiten Vier-Dimensionalität darzustellen. In einer Vorlesung über theoretische Physik schlug der Heidelberger Physik-Professoer Arthur Hebecker folgende Denkübung vor: Man stelle sich einen Hörsaal vor, indem per Projektor ein Film an der Wand abgespielt wird. Soll nun ein Zustand in diesem System genau beschrieben werden, ist es nicht nur notwendig die drei Koordinaten für die Lokalisierung im Raum festzustellen, sondern noch zusätzlich eine vierte, die dem Zustand des an die Wand gestrahlten Bildes entspricht. Analoge Beispiele können leicht gebildet werden und zeigen, dass es prinzipiell kein Problem darstellt sich multi-dimensionale Systeme vorzustellen. Mit der einsteinischen Raumzeit ist es leider nicht entsprechend einfach und selbst theoretische Repräsentationen für Studierende der Physik sind stets auf dreidimensionale Repräsentationen beschränkt.

Ob Einsteins Theorie das letzte physikalische Wort in Sachen Gravitation, Raum und Zeit sind, wird die Zukunft entscheiden müssen. Ob und wann es soweit ist, ist wohl unmöglich vorherzusagen, schließlich hielt sich Newtons Vorstellung für über 200 Jahre, bis sie abgelöst wurde. Das sich die newtonische Mechanik bis heute in den Ingenieurs-Wissenschaften als nützlich erweisen kann, liegt nicht zuletzt daran, dass die Vorhersagen der allgemeinen Relativitätstheorie deckungsgleich mit den Vorhersagen der newtonischen Mechanik sind, wenn sie in einem bestimmten Grenzbereich angewendet werden. Das ist dann so, wenn sogenannte „relativistische Effekte“ nicht zu berücksichtigen sind, was dann der Fall ist, wenn die Geschwindigkeiten der Bestandteile des beschriebenen Systems irrelevant langsam im Vergleich zu der des Lichts sind, das sich mit ungefähr 300.000 Kilometern pro Sekunde bewegt. In diesem Grenzbereich lässt sich die vier-dimensionale Raumzeit also annäherungsweise durch einen dreidimensionalen euklidischen Raum und eine absolute Zeit beschreiben.

Der Zusammenhang zwischen Biologie und Kultur

Die Wahrnehmung des Menschen deckt sich intuitiv mit den Konzepten von Raum und Zeit, die Kant auch als A priori-Konzepte identifiziert. Eventuell lassen sich die von Kant proklamierten „Fakultäten des Verstands“ auf ein biologisches Substrat übertragen, was erklären würde, warum sie a priori wären. Wenn das menschliche Gehirn unter dem selektiven Druck von Evolution Strukturen herausgebildet hat, die die Informationen, die durch die Sinnesdaten aufgenommen werden, so interpretieren, dass sie räumlich und zeitlich organisiert sind, wäre ein physisches Korrelat für die kantschen A priori-Konzepte von Raum und Zeit gefunden. Die Tatsache, dass newtonische Mechanik in der unmittelbaren Lebensumgebung, unter denen Menschen evoliert sind, korrekte Vorhersagen zulässt, gibt zumindest ein Indiz dafür, dass dem genauso sein könnte. Daraus ergibt sich die naheliegende Überlegung, dass Newtons Konzepte von Raum und Zeit aus der menschlichen Intuition gewonnen wurden, da sein Gehirn, wie jedes andere menschliche Gehirn, genau diese Intuition von Raum und Zeit herausgebildet hat. Warum die erste vollständige physikalische Theorie gerade die Form der newtonischen angenommen hat, wäre damit ähnlich zu beantworten, wie die Frage danach, warum in vielen Kulturen auf der Basis von Zehn oder Zwölf gezählt wird.

Gezählt werden kann mit jeder Basis die mindestens zwei Ziffern bereithält. Der minimale Fall von genau zwei Ziffern wird als binäres System bezeichnet. Dieses System wird bei Computer genutzt, da sich in elektrischen Schaltkreisen eine 0 durch die Abwesenheit einer Spannung und eine 1 durch die Anwesenheit einer Spannung darstellen lässt. Das binäre System bei der Konstruktion von Computern zugrunde zu legen hat also weitestgehend praktische Ursachen. Das Menschen zehn oder zwölf als Basis nehmen, kann ebenfalls durch rein praktische Gründe legitimiert werden. Die zehn ist besonders naheliegend, da schlicht die Gesamtzahl aller Finger zum Zählen benutzt wird. Wenn beide Hände durchgezählt sind, geht man auf die nächste Zählerstufe. Die Zwölf als Basis hat ebenfalls eine anatomische Grundlage. Der Begriff des „Dutzends“ stammt von dieser Art des Zählens ab, bei der der Daumen genutzt wird um anhand der übrigen vier Finger einer Hand, die sich leicht in drei Teile unterteilen lassen, bis Zwölf zu zählen.

Einen analogen Zusammenhang zwischen kultureller Praxis und physischer Realität des Menschen könnte also für die newtonische Mechanik gelten, wenn Newton die physische Realität von Raum und Zeit anhand seiner Intuition von Raum und Zeit bestimmt, deren Ursprung nicht unbegründeterweise in der biologischen Realität des Gehirns vermutet werden kann.

Narratives Weltbild versus Physikalisch-rationales Weltbild

Der kanadische Psychologe Jordan B. Peterson spricht an verschiedenen Stellen seiner Vorträge, Podcasts und Bücher von zwei wesentlich unterschiedlichen Fundamenten für die Konzeptualisierung von Realität. Die erste und vielleicht ursprünglichere basiert darauf, Realität als eine Geschichte zu modelieren. Die einzelnen Bestandteile dieser Realität wären dann Personen, die in intentionalen Verhältnissen zueinander stehen. Eine so aufgefasste Welt zeigt sich als sozialer Handlungsraum, in dem verschiedene Personen Handlungen ausüben, die auf vorformulierte Vorhaben und Ziele gerichtet sind. Diese narrative Art Realität zu begreifen ist tief in der menschlichen Psyche verankert, wie sich jeder selbst vergewissern kann, wenn er das nächste mal ein technisches Gerät, dass sich nicht erwartungsgemäß verhält, als „blöd“ bezeichnet, so als wäre es eine Person, die intentionale Zustände aufweist. Realität als Geschichte aufzufassen findet sich auch bei Shakespeare wieder, wenn er in „As you like it (dt. Wie es euch gefällt)“ den Charakter Jacques reflektieren lässt:

All the world’s a stage,
And all the men and women merely players.
They have their exits and their entrances,
And one man in his time plays many parts,
His acts being seven ages. At first the infant,
Mewling and puking in the nurse’s arms.
Then, the whining school-boy with his satchel
And shining morning face, creeping like snail
Unwillingly to school. And then the lover,
Sighing like furnance, with a woeful ballad
Made to his mistress‘ eyebrow. Then, a soldier,
Full of strange oaths, and bearded like the pard,
Jealous in honour, sudden, and quick in quarrel,
Seeking the bubble reputation
Even in the cannon’s mouth. And then, the justice,
In fair round belly, with good capon lin’d,
With eyes severe, and beard of formal cut,
Full of wise saws, and modern instances,
And so he plays his part. The sixth age shifts
Into the lean and slipper’d pantaloon,
With spectacles on nose, and pouch on side,
His youtful hose well sav’d, a world too wide
For his shrunk shank, and his big manly voice,
Turning again toward childish treble, pipes
And whistles in his sound. Last scene of all,
That ends this strange eventful history,
Is second childishness and mere oblivion,
Sans teeth, sans eyes, sans taste, sans everything.

Ins Deutsche übersetzt:

Die ganze Welt ist Bühne,
Und alle Frauen und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
Sein Lebenlang spielt einer manche Rollen
Durch sieben Akte hin. Zuerst das Kind,
Das in der Wärtrin Armen greint und sprudelt.
Der weinerliche Bube, der mit Ranzen
Und glattem Morgenantlitz wie die Schnecke
Ungern zur Schule kriecht. Dann der Verliebte,
Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied
Auf seiner Liebsten Brau’n. Dann der Soldat,
Voll toller Flüche, wie ein Pardel bärtig
Auf Ehre eifersüchtig, schnell zu Händeln,
Bis in die Mündung der Kanone suchend
Die Seifenblase Ruhm. Und dann der Richter
Im runden Bauche, mit Kapaun gestopft,
Mit strengem Blick und regelrechtem Bart,
Voll weiser Sprüch und neuester Exempel
Spielt seine Rolle so. Das sechste Alter
Macht den besockten, hagern Pantalon:
Brill auf der Nase, Beutel an der Seite,
Die jugendliche Hose, wohl geschont,
’ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden –
Die tiefe Männerstimme, umgewandelt
Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt
In seinem Ton. Der letzte Akt, mit dem
Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,
Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen:
Ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles

Das Leben ist der Auffassung Jacques nach eine Bühne, es ist Drama. Eine Geschichte, die vorgespielt wird, in der jeder seine Rolle zu spielen hat, und in der sich die Rolle manchmal ändert. Es ist ausreichend akkurat genug, dass die meisten Leser in Shakespeares Textausschnitt mit einer bestimmten Wahrheit die Ganzheit eines menschlichen Lebens reflektiert sehen. Das narrative Fundament von Realität ist wichtig und drückt sich in Literatur, Drama, Poetik, Filmen, Serien, Religion, Kunst und Musik aus. Menschen sind intuitiv in der Lage selbst wahnsinnig komplexen Geschichten zu folgen. Beispielsweise haben Millionen Zuschauer weltweit die Serie „Game of Thrones“ verfolgt, und dabei zugesehen wie sich über mehrere Staffeln und unzählige Stunden hinweg eine verwinkelte Geschichte mit zahllosen komplexen Charakteren entwickelt, und, nahezu unabhängig von der Sozialisierung und des Bildungsgrades, wenig Probleme dabei gehabt haben der Geschichte zumindest insofern zu folgen, dass sie spannend blieb.

Die zweite wesentliche Art Realität zu fundieren wurde während der Neuzeit durch Intellektuelle wie Francis Bacon, René Descartes, Nikolaus Kopernikus oder Galileo Galilei entwickelt. Diese Realität versteht die Welt als einen voluminösen Raum, in dem Objekte existieren, denen eindeutig Eigenschaften zugeschrieben werden können, und deren Dynamik, dem bloßen Auge verborgen bleibenden, Naturgesetzen gehorcht. Entsprechend ist der Titel von Francis Bacons 1620 in England erschienenen Werks „Novum organum scientiarum (dt. ‚Neues Werkzeug der Wissenschaften‘) treffend, da die neue Art die Welt zusehen quasi ein neues (Sinnes-)Organ fordert. Das neue Organ ist durch eine Kombination aus empirischer Naturbeobachtung, getreu dem Motto Zählen, Wiegen, Messen, und dem Verstand, der die Beobachtungen versucht in widerspruchsfreie Zusammenhänge zu bringen.

Während die meisten Leute problemlos „Game of Thrones“ folgen können, ist die Lage eine ganz andere, wenn der Stoff aus der zehnten Klasse in Mathematik abgerufen werden soll. Wie schwer sich selbst noch die meisten Menschen heute mit den geforderten Abstraktionen des neuen Weltbilds tun, gibt eine grobe Ahnung davon, wie revolutionär sie vor 400 Jahren gewesen sein müssen. Die Reaktionen durch die katholische Kirche wie beispielsweise ihr Umgang mit den Publikationen Galileos, der unter Hausarrest und Zensur gesetzt worden ist, sind in diesem Zusammenhang zu begreifen. Während für die ersten Generationen an Vertretern des physikalisch-rationalen Weltbilds noch eine Versöhnung mit dem narrativen Weltbild möglich schien, scheinen sie heute kulturell so weit auseinanderzuliegen wie nie zuvor. Nietzsche proklamiert den Tod Gottes das erste mal in seinem 1882 erschienen Werk „Die fröhliche Wissenschaft“, als Resultat eines, das 19. Jahrhundert durchziehenden, kulturellen Konflikts zwischen einer Lebensauffassung, die sich an Werten orientiert, die durch ein narratives Weltbild vermittelt und letztlich begründet werden, und einem Weltbild, das für das Erzählen von Geschichten keinen Platz mehr hat, und die Erkenntnis nur noch aus wissenschaftlichem Arbeiten resultieren kann.

Newton lebte in einer anderen Zeit, in der Vertreter des angehenden physikalisch-rationalen Weltbilds in der Regel noch Gläubige waren und eine Synthese der beiden Weltbilder anstrebten. Er selbst war der Ansicht, dass Gottes Handeln sich in den Zustandsveränderungen physikalischer Objekte ausdrückt: Gott als Überträger physikalischer Wirkung. Diese Position wird als Okkasionalismus bezeichnet. Die Lehre entlehnt ihre Bezeichnung von dem lateinischen „occasio“, das zu Deutsch etwa „Gelegenheit“ oder „Anlass“ bedeutet. Während Newton also noch Platz für Gott in seiner Sicht der Welt findet, zeigt sich schon seine Degradierung zum „Gelegenheits-Gott“. In solchen Vorstellungen kündigt sich bereits der unausweichliche Konflikt der Weltbilder an, der sich erst rund 150 Jahre später wirklich entfalten wird, und, wie Nietzsche den vorläufigen Ausgang bewertete, in dem Tode Gottes mündete.

In der philosophischen Forschung existiert eine Debatte darüber, ob Kant mit seinen A priori-Begriffen von Raum und Zeit sein eigenes System korrumpierte, da die allgemeine Relativitätstheorie doch zeigt, dass Raum und Zeit eigentlich miteinander in einer vier-dimensionalen Raumzeit verbunden sind. Auch wenn damit der naturphilosophischen Grundlage der newtonischen Gravitationstheorie der Boden entzogen wird, bedeutet das nicht dasselbe für die transzedentale Ästhetik Kants. Kant spricht davon wie die Struktur von Erfahrung konstituiert ist, und nicht darüber welche Eigenschaften der physikalische Raum und entsprechend die Zeit aufweisen. Während Kant wahrscheinlich sogar mit den heute revidierten naturphilosophischen Konzeptionen Newtons einverstanden wäre, ändert das nichts an der Tatsache, dass die intuitive Auffassung von Menschen einem dreidimensionalen euklidischen Raum entspricht und einer absoluten Zeit. Das ein so radikal neues Weltbild wie das physikalisch-rationale in nur wenigen Jahrhunderten zur hegemonialen Weltsicht der westlichen Kultur werden konnte, liegt wahrscheinlich nicht zuletzt an der Tatsache, dass Newtons physikalische Begriffe von Raum und Zeit dieselben sind wie Kants phänomenologischen.

Sicherlich wird allein der reine Nutzen des neuen „Organs“ bei dessen Propagation geholfen haben. Es ist kaum vorstellbar in was für einer Geschwindigkeit neue technische Innovationen auf Basis der sich entwickelten neuen Physik das Leben der Menschen verändert und verbessert haben. Gleichzeitig sind es aber vielleicht diese subtilen Überschneidungen, die Leute dazu gebracht haben sich dem neuen Weltbild zu öffnen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass auf Basis der intuitiven Begriffe von Raum und Zeit, die jedem Menschen bewusst sind, nicht nur die Bewegungen von Äpfeln und Billardkugeln akkurat vorhergesagt werden können, sondern sogar die Bewegungen der Gestirne. Diese narrative Komponente des physikalischen Weltbilds zeigt sich an der Überlappung des Inhalts der Begriffe von Raum und Zeit in der Philosophie Kants und der Physik Newtons.

Christoph Fleischer

hat Philosophie und Literatur in Heidelberg und Berlin studiert. Seine Hauptinteressen liegen im Bereich der Anthropologie und Metaphysik, wo er sich Fragen im Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Technologie, Kultur und Religion widmet. Er bespielt dieses Magazin sowie den zugehörigen Youtube-Channel und Podcast.

2 Kommentare

2 Antworten zu “Kant & Newton: Wie Wissenschaft ihren Weg in das Bewusstsein der Welt fand”

  1. Florian Gerstner sagt:

    Hallo Christoph,

    ein sehr interessanter und auch für Fachfremde gut verständlicher Beitrag!
    Ich bin gespannt, was mit dieser Seite zukünftig noch passieren wird und werde sie weiterhin verfolgen.

    Beste Grüße

    • Lieber Florian,

      freut mich zu hören, dass Dir das lesen Spaß gemacht hat. Ich bin auch gespannt, wie es mit der Seite weitergehen wird, es sind allerdings einige Interessante Dinge in Vorbereitung!

      Liebe Grüße!

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