27.9.2019 - keine Kommentare

Pragmatische Einführung ins Lesen

Geschrieben von Christoph Fleischer

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Lesen ist nicht nur wichtig um eine schöne Seele zu bilden. Der Hauptgrund besteht in der Verfassung der Welt sowie unserer Fähigkeit diese wahrzunehmen.

Es gibt in der Philosophie die These vom Menschen als Mangelwesen. Ihr Inhalt ist die Überlegung, dass während alle Tiere über besondere körperliche Fähigkeiten verfügen, die Potenz menschlicher Physiognomie durchgehend mittelmäßig ist. Diese Position wird beispielsweise im Prometheus-Mythos explizit, und resultiert dort in dem Geschenk des Feuers durch den Titanen, als das erste Stück Technologie, dass dem Menschen helfen soll seine Defizite zu kompensieren.

Heute hat diese Theorie viel von ihrer Anziehungskraft verloren, da sich das Verhältnis der Beziehung zwischen dem Menschen und den restlichen Tieren im Lichte von Darwins Evolutionstheorie und moderner Biologie verändert hat. Der Vorstellung als Mangelwesen werden heute Merkmale des Menschen gegenübergestellt, die ihn gegenteilig als Tier mit besonderen physiognomischen Eigenschaften auffassen. Dazu zählt zum Beispiel die Ausbildung des Daumens, der es dem Menschen ermöglicht Dinge zu greifen und als Werkzeuge zu benutzen. Darüber verfügen Menschen über eine überragende Ausdauer beim Laufen. Unsere Vorahnen in ferner Vergangenheit jagten ihre Beute per Treibjagd. Das ist eine Art zu Jagen, bei der einem Tier so lange hinterhergerannt wird, bis es erschöpft zu Boden geht und sich nicht mehr wehren kann. Ein gut trainierter Mensch ist auch heute in der Lage innerhalb einer Woche jedes Landsäugetier auf der Welt tot zu rennen – auch Pferde! Die Kombination unserer Hand, die mit einem Daumen ausgestattet ist, um beispielsweise einen Speer zu tragen, gepaart mit einer Fähigkeit extrem lange Strecken rennend zurückzulegen, macht Menschen zu den gefährlichsten Landjägern auf der Erde. Doch zu unserer physiognomischen Plattform kommt noch eine weitere Fähigkeit hinzu, die uns vor fast allen Tieren auszeichnet: Es ist unsere Fähigkeit zu Sehen.

IDEEN
KOMPRIMIERT
1 Menschen haben außerodentlich gute Augen, um einen kleinen Ausschnitt der Welt besonders ordentlich beobachten zu können.
2 Eine der wichtigsten Funktionen von Sprache besteht in der Möglichkeit, dass verschiedene Menschen ihre Beobachtungen über kleine Ausschnitte der Welt miteinander teilen können.
3 Der pragmatische Nutzen von Lesen für jeden, besteht in der Möglichkeit, die Beobachtungen von anderen Menschen unabhängig von Ort und Zeit nachvollziehen zu können, so dass sie zu eigenen werden.

Bis auf wenige Vogelarten, die in bestimmten Aspekten besser sehen können als Menschen, hat kein Tier so gute Augen wie der Mensch. Anthropologen gehen davon aus, dass in der Entwicklung des Menschen eine sogenannte „kognitive Revolution“ stattgefunden hat. Während dieser ist das Gehirnvolumen deutlich angestiegen, was erklären soll, warum der Mensch über besondere kognitive Fähigkeiten verfügt. Was genau diese Veränderung ausgelöst hat, ist schwer zu beantworten, es scheint jedoch mit der Verbesserung der menschlichen Sehfähigkeit zu tun zu haben. Das Auge verfügt über einen kleinen Ausschnitt der Netzhaut, der als Fauvea bezeichnet wird, und der einen kleinen Ausschnitt des Blickfelds scharf stellen kann. Mit diesem Teil des Blickfelds wird zum Beispiel dieser Text gelesen, während der restliche Teil des Blickfelds nur peripher wahrgenommen wird, und deutlich weniger scharf ist. Der scharfe Teil unserer Blickfelds kann von einem kleinen Ausschnitt der Welt besonders viele Informationen auf einmal extrahieren, die anschließend durch das Gehirn gedeutet werden müssen. Dafür ist ein nicht unwesentlicher Teil des Gehirnvolumens vorgesehen, so dass die Theorie entstand, dass die kognitive Revolution eigentlich eine Revolution der Sehfähigkeit des Menschen ist.

Auch wenn die Fähigkeit zu Sehen dem Menschen als Jäger sicherlich zugute kommt, besteht hier ein interessantes Spannungsverhältnis, da die größeren Gehirne auch eine längere Entwicklung erfordern. Entsprechend mussten die Hüften von Frauen breiter werden, um den Nachwuchs gebären zu können. Während Säugetiere normalerweise Individuen bei der Geburt hervorbringen, die über einen Mindestgrad an Selbstständigkeit verfügen, ist das beim Menschen anders. Säuglinge würden ohne ständige Pflege sterben. Hier hat die Natur entsprechend einen Kompromiss geschlossen. Während noch breitere Hüften benötigt werden würden, um menschlichen Nachwuchs mit demselben Grad an Selbstständigkeit gebären zu können wie bei anderen Säugetieren, würde das die Fähigkeit laufen zu können, und damit die Integrität als Jäger stark einschränken.

Folgt man dem Gedanken, dass das bemerkenswerte an der menschlichen Kognition das Faktum des besonders gut Sehen-könnens eines kleinen Ausschnitts der Welt ist, stellt sich unweigerlich die Frage, warum das ein so entscheidender Vorteil für technologische und kulturelle Entwicklung des Menschen darstellen soll, schließlich gibt es heute Dinge wie Quantenphysik und Kernkraft. Wie hängt das zusammen?

Als Jäger wissen Menschen intuitiv, dass es gut ist über Informationen zu verfügen, deren Nützlichkeit darin besteht das Überleben des Individuums zu sichern. Als Träger besonders guter Augen sind Menschen als Individuen in der Lage über bestimmte Ausschnitte der Welt besonders gut bescheid zu wissen. Die Kombination liegt auf der Hand: Der Jäger im Menschen will die Informationen der anderen Jäger, und in diesem Austausch an hochwertigen Informationen über verschiedene Ausschnitte der Welt liegt die Grundlage menschlicher Kommunikation und Kultur, als etwas, dass für jedes Individuum von unschätzbaren Wert ist.

Im Laufe der menschlichen Geschichte sind verschiedene Medien zu dem Zwecke, wenn auch nicht ausschließlich, Informationen zu übertragen genutzt worden. Dazu zählen beispielsweise Musik, Kunst oder Literatur. Die so aufgenommenen Informationen werden von Menschen kategorial geordnet, wodurch kognitive Repräsentationen von Objekten in der Welt entstehen. Wenn die Repräsentation von der Welt eine ausreichende Übereinstimmung mit der Welt selbst aufweisen, dann kann sich ein Individuum durch diese Welt bewegen und sie dermaßen manipulieren, dass seine Bedürfinsse und Wünsche erfüllt werden.

Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein prägt in seinem 1953 posthum erschienen Werk „Philosophische Untersuchungen“ den Begriff des „Sprachspiels“, wodurch Sprache als wesentlich soziale Praxis begriffen wird. Das gesprochene Wort erlaubt den quasi spielerischen Austausch an Informationen zwischen Menschen, die sich räumlich nahe beieinander aufhalten. In einer kleinen Gemeinschaft kann so jeder von den Erfahrungen aller profitieren. Als Populationen jedoch eine bestimmte Größe überschritten haben, wurde eine neue Technologie erfunden: die Bürokratie. Aus bürokratischer Notwendigkeit ist so Schrift erfunden worden, eine so spezielle Technologie, dass der Anthropologe Jared Diamond in seinem Buch „Guns, Germs and Steel“ (1997) darüber spekuliert, dass sie nur einmal in der Geschichte der Menschheit erfunden, und ab da nur noch abgeschaut wurde. Die ersten Schriftdokumente waren Steuerlisten, die dabei geholfen haben die materielle Versorgung größerer Populationen sicherzustellen.

Geschichten, die sich Menschen mündlich überlieferten, und Naturbeobachtungen in Form von Schrift zu transkribieren ist ein Trend, der in der Antike begonnen hat. Das quasi alle Menschen Lesen und Schreiben können ist eine Errungenschaft der Moderne. Diese kommunikativen Kernfähigkeiten erlauben es jedem Individuum der modernen Welt am globalen Informationsaustausch teilzunehmen. Während das gesprochene Wort zum Informationsaustausch zwischen Individuen noch forderte, dass sich diese am selben Ort und zur selben Zeit treffen, ermöglicht Schrift die Kommunikation über die Grenzen der Reichweite der Stimme hinaus, und die in ihr transkribierten Informationen können sogar den Tod ihres Autors überleben.

Der kanadische Psychologe Jordan B. Peterson schlägt in seinem internationalem Bestseller „12 Rules for Life“ als neunte Regel vor: „Assume that the person you are listening to might know something you don’t (dt.: Nehme an, dass die Person, der du zuhörst, etwas weiß, was Du nicht weißt)“. Wenn Menschen miteinander in kommunikativen Austausch treten, geht es darum Informationen über die Welt auszutauschen, so dass der jeweils andere nicht dieselben erneut erfahren muss. Die Dinge, die von anderen Menschen erfahren werden, sind dabei nützlich um erfolgreich durch die Welt zu navigieren. Sie helfen Leid abzuwenden oder schlicht das Überleben zu sichern. Ein schönes Beispiel dafür ist, dass gute Eltern ihren Kindern beibringen wie man vorsichtig die Straße überquert. Würden die Kinder diese Information nicht durch die Eltern erfahren, kann es sein, dass sie von einem Auto überfahren werden würden, oder andere Leute sie wütend darauf hinweisen müssen, da gerade noch ein Unglück vermieden werden konnte. Natürlich ist Leid selbst schon etwas, dass versucht wird abzuwenden, aber wenn es doch einmal eintritt ist es häufig zu verkraften. Ganz anders verhält es sich, wenn es sich um sinnloses Leid handelt, worunter häufig so etwas verstanden wird wie: Leid, das einfach hätte verhindert werden können. Ein Kind, das, ignorant darüber wie man eine Straße richtig überquert, losrennt ohne auf die ankommenden Autos zu achten passt genau in diese Kategorie.

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug das dem Individuum zur Verfügung steht, denn sie erlaubt es mit den es unmittelbar umgebenden Individuen in Austausch zu treten. Schrift ist mindestens ein genauso mächtiges Werkzeug, denn es erlaubt einem Individuum mit anderen Individuen über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg in Austausch zu treten. Eine Konstante bei allen extrem erfolgreichen Menschen, von dem Technologie-Pionier Bill Gates bis zum Immobilien-Investor Warren Buffett, ist, dass sie extrem viel lesen. Bill Gates betreibt einen eigenen Buch-Blog und der mittlerweile 89 jährige Buffett liest immer noch jeden Tag mindestens vier Stunden. Das viele Lesen führt dazu, dass viele verhinderbare Fehler nicht gemacht werden müssen, da sie bereits von anderen gemacht wurden. Die großen Bücher der Vergangenheit stehen jedem zum Lesen zur Verfügung. Wer entsprechend eine Orientierung sucht kann folgende beiden Quellen dieses Magazins nutzen:

Gesamte Leseliste von Begebnis

Pragmatische Einladung: Drei Bücher, drei Welten

Ich freue mich auf die Kritik in den Kommentaren, lasst mich wissen, ob Euch der Artikel gefallen oder geholfen hat, oder nicht. Es sind weitere Artikel geplant, mit Leselisten für bestimmte Interessensbereiche. Wenn es besondere Themen gibt, die Euch besonders interessieren, dann lasst es mich wissen.

Christoph Fleischer

hat Philosophie und Literatur in Heidelberg und Berlin studiert. Seine Hauptinteressen liegen im Bereich der Anthropologie und Metaphysik, wo er sich Fragen im Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Technologie, Kultur und Religion widmet. Er bespielt dieses Magazin sowie den zugehörigen Youtube-Channel und Podcast.

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