27.9.2019 - keine Kommentare

Pragmatische Literatur: Drei Bücher, drei Welten

Geschrieben von Christoph Fleischer

Dieser Artikel ist auch als Audio-Version verfügbar. Sie können diese einerseits direkt unter dieser Anmerkung anhören, oder Sie abonnieren den Podcast mit all unseren Artikeln zum Zuhören.

Wie enorm das Lesen von Büchern die Sicht auf die Welt verändern kann, beweisen folgende drei Bücher eindrucksvoll.

Lesen ist nützlich, da es Wissen vermittelt, das ansonsten nur durch eigene Erfahrung hätte erworben werden können. Dieses Wissen kann genutzt werden um die Welt zu deuten, und umso besser die Welt durch ein Individuum gedeutet werden kann, umso wahrscheinlicher ist es, dass die Wünsche und Bestrebungen dieses Individuums eine Realisierung in der Wirklichkeit erfahren. Anders ausgedrückt: Wer seine eigenen Umstände verbessern möchte, sollte darüber bescheid wissen wollen, wie die Welt funktioniert. Einige Bücher sind aus mehreren Gründen eine gute Quelle für solche Informationen. Einerseits ermöglichen sie es von Erfahrungen anderer zu profitieren, die nicht mehr gemacht werden können, andererseits können sie den Leser einen Einblick in die Weltsicht des Autors geben, der unter Umständen nützliche Deutungen für Interessierte bereithält, die für die gegenwärtigen Umstände immer noch relevant sind.

Hier möchte ich drei Bücher vorstellen, die gleichermaßen für Vielleser, wie für Anfänger, interessant sind, weil sie den oben beschriebenen Geist des Lesens repräsentieren. Dies kann nur auf Basis einer subjektiven Auswahl geschehen, die ich im Folgenden versuche so gut es geht zu begründen.

Stefan Zweig
Die Welt von gestern (1942)

Stefan Zweig ist ein österreichischer Schriftsteller, der 1881 in Wien zur Welt kam. Er ist belesen und verfügt über eine breite Bildung in Kunst und Musik. Zweigs viele Reisen durch das Europa des frühen 20. Jahrhunderts brachten ihn unter anderem nach Italien, Deutschland, Belgien, Frankreich und England, wo er Kontakte zu zeitgenössischen Größen der Malerei, Literatur und Philosophie pflegte.

Seine größte Stärke als Intellektueller ist in meinen Augen seine ausgeprägte Fähigkeit zu beobachten. Als aufmerksamer Zuschauer seiner unmittelbaren Lebensumstände sammelt und deutet er Befunde seiner Reisen durch verschiedene Länder. Seine Bücher sind diese Sammlungen, geschrieben von einem distanzierten Beobachter, der nüchtern darüber sinniert was die Befunde zu bedeuten haben. Bei dem Versuch das Sammelsurium an Geschehnissen in eine nachvollziehbare Ordnung zu bringen zeigt Zweig einen großen Respekt vor seinen Lesern. Ironischerweise besteht eine seiner größten Sorgen darin, dass ein Mensch tatsächlich eines seiner Bücher ließt. Schockiert vor der Tatsache, dass jemand mehrere Stunden aufbringen würde sich durch seine Texte zu arbeiten, überarbeitet und kürzt Zweig ehrfürchtig seine Manuskripte auf die sterile Eleganz, die seinen Stil ausmacht. Der größte Wert liegt auf eingänglicher Sprache und ebensolchen Formulierungen.

DREI
WELTEN
1 Stefan Zweig: Die Welt von Gestern (1942)
2 Ernst Jünger: In Stahlgewitter (1920)
3 Stephen Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit (1988)

„Die Welt von gestern“ ist genau ein solches Zweig’sches Buch. Der Ich-Erzähler lässt seine Kindheit in Wien Revue passieren, schildert über was die Menschen auf den Marktplätzen reden, was in den Schulen gelehrt wird, was in den Zeitungen steht. Er geht den Unterschieden auf den Grund, die zwischen der Zeit vor und nach dem ersten Weltkrieg besteht, worin der heutige Leser die Entwicklung zu den bürokratischen Anforderungen, die typisch für unsere Zeit sind, nachvollziehen kann. Er beschreibt wie Intellektuelle, statt über die neuesten Bücher, über die neuesten Methoden Reisevisa zu erhalten reden, oder wie er darüber überrascht ist, einen Reisepass beantragen zu müssen.

Er interpretiert seine Generation als die „unglücklichste aller Zeiten“, deren Leben mit den Katastrophen zweier Weltkriege überlappt. Was für eine zynische Ironie das ist, wird klar wenn Zweig über den Diskurs in Wien am Vorabend des ersten Weltkriegs spricht. Während die Menschen zur Kenntnis nehmen, dass die Meldungen aus den Nachrichten immer mehr Spannungen zwischen den europäischen Völkern verkünden, interessieren sich die meisten Leute nicht für politische Hiobsbotschaften im Glauben an das weitere bestehen ihres tausendjährigen Reiches. Die Argumente der Skeptiker wirken auch überzeugend: Die Welt ist zu vernetzt. Der Handel ist international ausgerichtet, die Wissenschaft arbeitet über die Ländergrenzen hinaus zusammen. Einem potentiellen Krieg ist vorgebeugt, durch die Drohung einer ökonomischen Katastrophe. Ließt man die entsprechenden Stellen aus „Die Welt von gestern“ könnte man glauben eine Folge von Anne Will oder Maischberger in der Mediathek zu sehen, die darüber reden warum die Krim-Krise nicht in einen internationalen Konflikt ausarten kann. Wie fatal man sich in solchen Schlüssen täuschen kann, schildert Zweig aufmerksam und lässt einen berechtigten Zweifel an der Ewigkeit politischer Verhältnisse entstehen.

Während des zweiten Weltkriegs flieht Zweig, der aus einer wohlhabenden jüdischen Textilunternehmer-Familie stammt, aus Europa Richtung Südamerika. Der begeisterte Sammler von Manuskripten hatte eine der beträchtlichsten und wertvollsten Handschriftensammlungen zusammentragen können, die er zu Rammschpreisen hat verkaufen müssen, in der Hoffnung genug Geld zusammen zu bekommen um Europa den Rücken zuzukehren. 1940 kam er in Brasilien an, wo wohl auch der größte Teil von „Die Welt von gestern“ verfasst wurde. Wenige Monate nach der Fertigstellung des Buchs nahm sich Zweig mit dessen Frau das Leben. Ein Abschiedsbrief stellt fest, dass Zweig „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen“ aus dem Leben schied, dass die Zerstörung seiner „geistigen Heimat Europa“ sowie „die langen Jahre heimatlosen Wanderns“ seine Kraft und seinen Lebenswillen erschöpften. „Die Welt von gestern“ ist ein kluges Buch, das die Grenzen des autobiographischen und fiktiven nicht erkennen lässt, das eine Welt beschreibt, die nicht mehr existiert, und die in die Welt von heute übergegangen ist.

Ernst Jünger
In Stahlgewitter (1920)

Ernst Jünger genießt in Deutschland einen zweifelhaften Ruf, während mindestens sein Werk „In Stahlgewitter“ international rezipiert wird. Das großartige Erstlingswerk wurde von Jünger im jungen Alter von gerade einmal 25 Jahren geschrieben. Er verarbeitet seine Erfahrungen und Tagebuchaufzeichnungen aus seiner Zeit an der Westfront zwischen Dezember 1914 und August 1918.

Jünger ist eine bemerkenswerte Figur. Er lässt sich schwer kategorisieren. Einerseits ist er Nationalist und begeisterter Soldat, andererseits stand er der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland bis zuletzt skeptisch gegenüber, obwohl er ihr als Offizier während des zweiten Weltkriegs diente. Die Ambivalenz seiner Person spiegelt sich auch in dem Werk wieder, bei dem einige Rezipienten die Brutalität des Kriegs gefeiert sehen, während es andere als Antikriegsbuch lesen. Das besondere an Jüngers Werken ist, dass es für sie nicht ungewöhnlich ist eine klare Richtung in der Deutung zu verweigern, ohne dabei ins Sinnlose zu verfallen. Vielmehr drücken sie die Ambivalenz der Realität selbst aus, die sie beschreiben.

Jünger war über die komplette Zeit des ersten Weltkriegs als Frontsoldat stationiert. Sein Werk ist ein Unikat, da es kaum Soldaten gab, die die rauhe Front des ersten Weltkriegs vier Jahre lang durchstanden. Dazu kommt noch die Aufzeichnungswut und das dokumentarische Auge des angehenden Schriftstellers. Selbst bei der Verwesung eines guten Kameradens wird der Neugier der Vorzug vor der Pietät gewährt. „In Stahlgewittern“ ermöglicht einen entsprechend einzigartigen Einblick in die Geschehnisse des ersten Weltkriegs aus der Perspektive eines unmittelbar Beteiligten.

Während moralische oder politische Umstände des Krieges völlig ausgeblendet werden, wird in dem Werk der Krieg als inneres Erlebnisses des Soldaten verarbeitet, der sich als schwacher und verwundbarer Mensch inmitten einer gewaltigen Materialschalcht wiederfindet. Wer wissen möchte was Krieg ist, der bekommt hier eine rohe und pure Darstellung. Darüber hinaus bekommt man einen Eindruck, was es für einen Schlag von Menschen braucht, der diese Ereignisse zu überstehen vermag.

Stephen Hawking
A Brief History of Time/Eine kurze Geschichte der Zeit (1988)

Der erst kürzlich verstorbene Astro-Physiker Stephen Hawking hat nicht nur der Welt der Physiker viele kluge Einsichten und Ideen hinterlassen, sondern auch den Nicht-Physikern ein wundervolles Buch geschenkt. Dieses ist bereits seit 1988 erhältlich und hat bis heute kein Stück seines Glanzes verloren. „Eine kurze Geschichte der Zeit“ ist ein Buch über Physik und Kosmologie für Laien.

Die Themen die Hawking anspricht umfassen Raum und Zeit, die Ausdehnung des Universums, Schwarze Löcher sowie die Frage danach, warum die Zeit eine Richtung hat. Jeder der sich fragt, was Physiker eigentlich machen, und was die moderne Physik für ein Weltbild propagiert, wird mit diesem Buch eine wundervolle Zeit haben. Die Welt ist danach nicht mehr dieselbe. Unbedingt lesen!

Christoph Fleischer

hat Philosophie und Literatur in Heidelberg und Berlin studiert. Seine Hauptinteressen liegen im Bereich der Anthropologie und Metaphysik, wo er sich Fragen im Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Technologie, Kultur und Religion widmet. Er bespielt dieses Magazin sowie den zugehörigen Youtube-Channel und Podcast.

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kanäle
Social Media
Newsletter

Podcast
Youtube