12.1.2021 - keine Kommentare

Räum Dein Zimmer auf! Simple Phrase oder solide Philosophie?

Geschrieben von Christoph Fleischer

Dieser Artikel basiert auf dem Skript eines YouTube-Videos von unserem Kanal. Das Video ist hier direkt eingebettet, kann jedoch auch direkt über YouTube angeschaut werden.

Jordan Peterson ist bekannt dafür, dass er seine philosophischen Punkte häufig in klischeehaften Sätzen zusammenfasst. Steckt hinter diesen trivial wirkenden Phrasen und der rhetorischen Brillanz jedoch auch solide Philosophie?

Die Philosophie des Hummer-Krawatten tragenden kanadischen Psychologen Jordan B. Peterson ist Grundlage unzähliger Inspirationen für virale Memes im Internet. Er ist der philosophische Vater, der Dich ermahnt gerade zu stehen und Dein Zimmer aufzuräumen. Für unzählige junge Menschen ist er gerade wegen dieser traditionellen Weisheiten zu einem Sinnstifter in turbulenten Zeiten geworden.

Für wahrscheinlich genauso viele andere ist er jedoch nichts anderes als ein Drescher von simplen und offensichtlichen Plattitüden. Wer hat also Recht? Sind Petersons Lebensweisheiten tatsächlich trivial, oder werden seine Kritiker den Einsichten nicht gerecht, denen Aufforderungen wie „Räum Dein Zimmer auf!“ zugrundeliegen?

„Set your house in perfect order, before you criticise the world!“ Das ist der Wortlaut der Regel aus Jordan Petersons Buch, 12 Rules for Life, die zur Aufforderung „Räum Dein Zimmer auf!“ korrespondiert. Eine häufig vorgebrachte Kritik, wie beispielsweise durch den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, weist auf den paternalistischen Charakter der Aufforderung hin. Es unterstellt in etwa folgenden Sinn: „Räum Dein Zimmer auf, sonst darfst Du nicht politisch partizipieren!“ Außerdem behauptet Žižek weiter, dass manche Missstände so dringend sind, dass es in der Verantwortung eines Individuums liegt darauf zu reagieren, selbst wenn nicht sämtliche persönliche Probleme gelöst sind.

IDEEN
KOMPRIMIERT
1 Es ist einfacher und weniger Riskant, Probleme an sich selbst zu lösen, als durch eine gesellschaftliche Initiative.
2 Wie identifiziert man jedoch Probleme, die selbst zu lösen sind und solche, die durch eine gesellschaftliche Initiative gelöst werden sollten?
3 Petersons Regel eignet sich als Heuristik diese beiden Problem-Typen verlässlich zu identifizieren.

Es lässt sich schwer etwas gegen Žižeks Behauptungen einwenden. In den meisten Fällen ist es möglich ein gutes Argument für die Kritik von Paternalismus zu machen. Gleichzeitig spricht prinzipiell auch nichts dagegen, trotz ungelöster persönlicher Probleme, eine politische Position zu demonstrieren. Kritiken dieser Art laufen jedoch meiner Meinung nach trotzdem ins Leere. Peterson würde glaube ich nicht widersprechen. Was ist dann der Kontext, den sich Peterson für ein richtiges Verständnis seiner Regel vorstellt?

Peterson adressiert ein recht fundamentales Problem: Wenn einem etwas nicht passt, vielleicht ist es nur eine kleine Unannehmlichkeit, vielleicht jedoch auch Auslöser eines enormen Leidensdrucks, ist dieser Sachverhalt dann durch einen selbst und der eigenen Insuffizienzen verschuldet, oder ist man etwas außerhalb des eigenen Gestaltungsraums unterworfen? Kurzum: Bin ich selbst Urheber des Problems, oder ist es die Welt?

Um eine Situation verbessern zu können, ist es notwendig verlässlich das Problem identifizieren zu können, ansonsten kann es nicht gelöst werden. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Sagen wir ich finde keinen Partner des Geschlechts meines Interesses, oder tue mir zumindest schwer. Ist das jetzt der Fall, weil alle potentiellen Partner verrückt geworden sind und deswegen meinen hohen Wert nicht erkenne können, oder vielleicht einfach weil ich selbst genau weiß, dass es eine ganze Liste an Punkten gäbe, die ich an mir selbst verbessern könnte, um meine Chancen zu verbessern?

Es ist klar, dass man selbst das Problem ist, mindestens einmal einen großen Anteil trägt. Gerade das ist jedoch keine Tragödie, sondern Grund für Jubel. So sehr es vielleicht weh tun mag sich das selbst einzugestehen und so schwer es vielleicht ist neue Angewohnheiten auszubilden und an sich selbst zu arbeiten, ist es immer noch unendlich einfacher, als eine ganze Bevölkerungsgruppe zu pathologisieren und sich vorzunehmen ästhetisch so umzuerziehen, dass man selbst als der neue archetypische Goldstandard für Attraktivität gilt.

Natürlich gibt es genauso Probleme, die tatsächlich eine gesellschaftliche Veränderung notwendig machen. Es ist jedoch nicht nur einfacher an sich selbst an Stelle einer Veränderung der sozialen Umstände zu arbeiten, es ist auch gleichzeitig möglich besser abzuschätzen, ob die Effekte der Veränderung den gewünschten Folgen entsprechen. Gesellschaften sind hochgradig komplexe Strukturen. Es sind Systeme mit unzähligen Variablen, die sich alle gegenseitig mehr oder weniger stark beeinflussen. Entsprechend lässt sich nicht immer im vornherein feststellen, ob eine gesellschaftliche Veränderung nur die gewünschten Folgen nach sich zieht. Um genau zu sein, die Chance dafür ist quasi Null. Es wird immer ungewünschte Nebeneffekte und Kollateralschaden geben. Insgesamt gilt zwar, dass jeder Fortschritt Wandel ist, jedoch gleichzeitig auch, dass nicht jeder Wandel auch Fortschritt ist. Im Endeffekt teilt es genau dieses Charakteristikum mit operativen Eingriffen in der Medizin: Egal welche Art der Operation, es besteht immer die Möglichkeit etwas kaputt zu machen, was man mal lieber nicht kaputt gemacht hätte. Analog besteht immer ein unbeabsichtigtes Risiko sich selbst oder anderen zu schaden. Die Geschichte durfte schon unzählige Male für die Wahrheit dieser Gefahr Zeuge stehen.

Fassen wir also zusammen:

(1) Es ist einfacher ein Problem an sich selbst zu lösen.
(2) Es ist mit weniger Risiko verbunden es an sich selbst zu lösen, als durch eine gesellschaftliche Initiative.
(3) Es gibt dennoch Probleme, die sich nur über eine solche Initiative lösen lassen, sowie es auch Situationen gibt, in denen eine Alternative zu einem operativen Eingriff ausgeschlossen ist.

Woher soll man denn jetzt wissen, wann, was zu tun ist? Im Idealfall hat man dafür eine Heuristik. Das ist eine Methode, die es einem erlaubt möglichst zuverlässige pragmatische Lösungen herzuleiten, wenn man nicht alles weiß oder wissen kann, um das Problem optimal zu lösen. Petersons „Räum Dein Zimmer auf!“-Regel ist genau eine solche Heuristik. Die Idee, zuerst sein Zimmer aufzuräumen, bevor man die Welt kritisiert, ist dann in etwa folgende: „Aufräumen“ ist nicht nur hirnloses Platzieren von irgendwelchen Objekten an für sie vorgesehene Orte. Vielleicht war es das, als man noch ein Kind war und die Eltern einen immer damit genervt haben. Jetzt bedeutet „Aufräumen“ etwas anderes, es hat seine Funktion verändert. Es schafft eine Ordnung zu einem bestimmten Zweck im eigenen unmittelbaren Umfeld. Den Schreibtisch aufzuräumen heißt beispielsweise ihn in einen Zustand zu versetzen, so dass an ihm gearbeitet werden kann. Da jeder ein bisschen anders arbeitet und auch an etwas anderem, wird es für jeden etwas anders aussehen. Dadurch bekommt „Aufräumen“ ein bisschen den Geschmack von Design. Um seinen Schreibtisch in Ordnung zu versetzen bedarf es bereits einer Idee von dem, was man machen möchte. Daher kommt auch der meditative Charakter von „Aufräumen“, der in zahllosen Selbsthilfe-Büchern angepriesen wird: Was werfe ich in den Müll? Was kommt wohin? Was will ich mit diesem Ort tun? Die Beantwortung dieser Fragen führt zu dem Entwurf einer Vision für das eigene Leben, wodurch gleichzeitig Probleme identifiziert werden und auch bereits damit begonnen wird diese zu lösen.

Anders ausgedrückt: Eine eigene Vision zu entwickeln und daran zu arbeiten sie umzusetzen, wird bereits schon viele persönliche Probleme lösen. Sein Zimmer aufzuräumen startet den konstruktiven Prozess eine solche Vision zu entwerfen. Genau das macht es zu einer guten Heuristik Probleme zu identifizieren, die man besser selbst lösen sollte.

Ich glaube, dass Peterson häufig von seinen Gegnern ungerecht präsentiert wird. Gerade weil er klischeehafte Phrasen wie „Räum Dein Zimmer auf!“ oder „Stell Dich gerade hin!“ verwendet, um seine Punkte zu illustrieren, verweisen Kritiker gerne einfach nur auf die oberflächliche Trivialität dieser Sätze und lassen so Petersons philosophische Ideen simpel erscheinen, was sie, wie ich hoffentlich hier zumindest anschneiden konnte, definitiv nicht sind.

Christoph Fleischer

hat Philosophie und Literatur in Heidelberg und Berlin studiert. Seine Hauptinteressen liegen im Bereich der Anthropologie und Metaphysik, wo er sich Fragen im Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Technologie, Kultur und Religion widmet. Er bespielt dieses Magazin sowie den zugehörigen Youtube-Channel und Podcast.

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