9.5.2020 - keine Kommentare

Sünde & Sühne: Dostojewskij und psychologische Regulation in Religion

Geschrieben von Christoph Fleischer

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Sünde und Sühne sind nicht nur für den sonntäglichen Gottesdienst-Besucher relevante Kategorien. Sie korrespondieren zu einem tiefen Mechanismus der menschlichen Psyche, der es überhaupt erst möglich macht, sich in der Welt zu orientieren.

Eine anthropologische Konstante ist etwas, was in jeder Kultur und zu jeder Zeit vorgefunden werden kann. Deswegen werden sie in der Regal als nicht durch die Kultur konstruiert gedeutet, sondern auf etwas tieferes verweisend, was wesentliche Einblicke in menschliche Existenz und Zusammenleben gewährt. Es gibt nicht viele Kategorien, die sich als Kandidat für den Status einer solchen Konstante qualifizieren. Eine davon ist Religion, die in der Literatur Dostojewskijs eine prominente Rolle spielt. Viele Leser sehen in diesem Sachverhalt einen Mangel am Werk des russischen Autors. Inwiefern Dostojewskijs Position zu Religion nuancierter als die Position eines religiösen Fundamentalisten oder radikalen Atheisten ist, kann jeder nach Lektüre des folgenden Essays selbst bewerten.

Als junger Mann in den 1840er Jahren stand Dostojewskij noch der sozialistischen Idee nahe. Als Teil des Petraschweski-Zirkels wurde er im zaristischen Russland von der Polizei verhaftet und zum Tode verurteilt. Die Exekution sollte am 22. Dezember 1849 auf dem Paradeplatz der Semjonowski-Garde stattfinden. In weißem Leichenkittel und Kappe eingekleidet und an einen Pfahl festgebunden, wusste der damals 28-Jährige noch nicht, dass sein Urteil in Zwangsarbeit in Festungshaft umgewandelt wurde. Ein paar Jahre nach der intensiven Erfahrung dieser Scheinhinrichtung begannen die epileptischen Anfällen, unter denen er bis zum Ende seines Lebens litt.

IDEEN
KOMPRIMIERT
1 Menschen haben einen Drang unbekannte Gebiete, phyischer oder sozialer Natur, auszuloten.
2 Dabei werden jedoch zwangsläufig die Grenzen der Ordnungen überschritten, die gerade erst erkundet wird.
3 Sünde und Sühnen korrespondieren zu der Bestrafung, die durch die Überschreitung von Grenzen notwendig wird und der damit verbundenen Befriedigung, die in dem Abschluss der Erkundung besteht.

Vielleicht sind jene Anfälle und die Visionen, die den Anfällen vorausgehen und sie ankündigen, einer der Gründe für die Intuition, die Dostojewskij im Umgang mit der religiösen Thematik entwickelte, und die er in seinen bekanntesten Werken verarbeitete. Der Vorwurf des religiösen Propagandisten im Namen des Christentums wird Dostojewskij wohl unter Lesern und Kommentatoren nie vollständig loswerden, dennoch wird es seinen vielschichtigen Betrachtungen nicht gerecht. Am Beispiel einer kleinen Passage aus dem Roman „Schuld und Sühne“ (1866) möchte ich das exemplarisch zeigen.

Der gesamte Roman „Schuld und Sühne“ dreht sich bereits um die Frage nach der moralischen Integrität des Gewissens, und kann somit selbst schon im Zusammenhang mit der Frage nach der Bedeutung von Religion hin untersucht werden. Im Folgenden geht es jedoch nur um eine kleine Szene, die sich bereits zu Beginn des Romans abspielt. Der Protagonist Rodion Raskolnikoff, ein ehemaliger Student, der unter enormer Geldnot leidet, kommt tagsüber an einer Gaststätte vorbei, während er über die Straßen St. Petersburgs schlendert. Dort trifft er auf einen Trunkenbold namens Marmeladow, der ihn in ein Gespräch verwickelt.

Ein Betrunkener philosophiert über seine Sehnsucht nach Bestrafung

Während des Gesprächs sinniert der Betrunkene über Verschiedenes. Bemerkenswert für das vorliegende Thema wird es, wenn er das erste Mal seine Gattin erwähnt: „[…] meine Gattin steht hoch über mir!“ Der Leser lernt, dass Marmeladow schon seit fünf Tagen durchzecht. Heuhälmchen an seiner Kleidung und seinen Haaren lassen vermuten, dass er sich zum Schlafen weder aus noch angezogen hat. Entsprechend kann sich ein Bild von dem hygienischen Zustand des Betrunkenen gemacht werden, der von Dostojewskij detailreich beschrieben wird.

Der Wirt der Gaststätte mischt sich in das Gespräch ein und fragt, warum Marmeladow denn, während er Raskolnikoff von seiner Beschäftigung als Beamter erzählt, nicht bei der Arbeit sei und schon die letzten Tage hier und nicht auf der Stube verbracht hat. Dem entgegnet er: „Ist es mir denn nicht der größte Schmerz, daß ich mich so nutzlos umhertreibe?“ Er erzählt weiter aus seinem Leben, dass seine Frau vor Kurzem von jemandem verprügelt wurde, während er betrunken war, und, dass seit seine Tochter als Prostituierte anschaffen geht, er nicht mehr von der Flasche wegkommt. Derjenige, der seine Frau verprügelte ist eine Person, die sich für sämtliche neuen Ideen interessiert und erklärte, dass Mitleid „neuerdings sogar von der Wissenschaft verboten worden sei“, mit einem Verweis auf das ökonomische System von England. Nachdem er von Raskolinikoff ehrlich die Frage beantwortet haben möchte, ob er denn ein „Lump“ sei, und keine Antwort bekommt, beschließt er: „Nun, mag ich immerhin ein Lump sein; sie [Anm. d. Red.: seine Frau] aber ist eine Dame“. Er ergeht sich weiter in ewigen Lobreden auf seine Gattin, wie umfassend sie gebildet sei, sie aus gutem Haus komme, etc., und inwiefern sie aus Ungerechtigkeit mitleidig mit ihm ist.

Marmeladow schildert wie er alles vertrinkt, die Schuhe seiner Gattin genauso wie ihre Kleidung und Strümpfe. Im letzten Winter begann seine Frau, krank geworden von der ausgebliebenen Heizung, Blut zu husten. Es befinden sich des Weiteren noch drei kleine Kinder im Haus. Er erklärt, dass seine Gattin schon „von klein auf an Reinlichkeit gewöhnt“ wurde, und alles so gut es geht sauber hält, und die Kinder wäscht. Zu Beginn seiner Trinkereien schrie sie ihn an und beleidigte ihn. Nach ein paar Wochen jedoch fing sie an den kleinen Kindern zu sagen, dass sie leise sein sollen, da ihr Stiefvater von der Arbeit müde sei. Sie sparrte sogar eine Geldsumme zusammen und kaufte davon einen neuen Dienstanzug, und kleidete ihn damit an, was unglaublich wirkte, bei der Armut mit der die Familie konfrontiert war. So konnte Marmeladow wieder als Beamter arbeiten gehen. Von dem ersten Gehalt, das er heimbrachte, erträumten sich das Ehepaar Pläne für die Zukunft, die durch das Geld möglich wurden. Vor allem sollte der Tochter wieder ermöglicht werden mit der Prostitution aufzuhören. Eines Abends schlich sich Marmeladow dann heimlich an den Kasten, in dem seine Frau das Geld verwahrt, hat es genommen, und betrinkt sich jetzt seit fünf Tagen und verlor seine Anstellung.

Nachdem Marmeladow diese Geschichte beendet hatte, mischt sich wieder der Wirt ein: „Warum soll man dich auch noch bedauern?“ Marmeladow stimmt zu: „Meinst du, Schankwirt, daß deine Flasche Schnaps mir ein Genuß war? Leid, Leid habe ich auf ihrem Grunde gesucht, Leid und Tränen, und die habe ich gefunden und gekostet“. Marmeladow beschließt schließlich heimzugehen und nimmt Raskolnikoff mit. Auf dem Heimweg spricht er davon, dass er sich fürchtet seiner Frau zu begegnen. Er betont jedoch, dass er sich nicht vor Schimpfe oder Schlägen fürchtet, sondern vor den Augen seiner Frau und dem Schreien der Kinder, die wahrscheinlich nichts zu essen bekamen, da er das Geld dafür vertrunken hatte.

Sünde und Sühne: Eine psychologische Regulation in Religion

Es gibt einen Trinker, Marmeladow, der seit fünf Tagen am Zechen ist. Er hat Furcht seiner Gattin zu begegnen. Er erklärt, dass er schon lange Probleme mit dem Trinken hat. Insgesamt gibt es keine Verschönerungen, und der Alkoholiker ist ehrlich zu sich selbst. Interessant ist die Rolle, die das Mitleid in dem Textausschnitt spielt. Es wird sowohl darauf verwiesen, dass Mitleid aus der Mode gekommen ist, dass gar eine rationale Verpflichtung darin besteht kein Mitleid zu zeigen. Gleichzeitig ist seine Gattin aus Ungerechtigkeit mitleidig, und sie wird mit Reinlichkeit und Größe belegt, während Marmeladow sich selbst als Vieh bezeichnet.

Marmeladow ist eine traurige Gestalt. Er weiß, dass sein Verhalten falsch ist. Er zieht keinen Genuss aus seinen Trinkexzessen, sondern sucht bewusst nach einer Möglichkeit zu Leiden. Ursache dieser Sehnsucht ist die Auffassung von sich selbst als Nichtsnutz. Was seiner Existenz einen Sinn verleiht, ist das Bestrafen seiner selbst. Es ist jedoch keine Selbstzerstörung um der Zerstörung wegen. In der Selbstzerstörung verbirgt sich für ihn die Möglichkeit die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Die Idee ist in etwa: Wenn ich selbst unwürdig und zu nichts zu gebrauchen bin, dann muss ich dafür bestraft werden. Die Tatsache seines Bestraft-Werdens entspricht der Wiederherstellung der Ordnung der Welt.

Im Kontext des 19. Jahrhunderts steht die christliche Weltsicht unter Beschuss durch den aufkommenden Rationalismus, der in seinem Weltbild keinen Platz mehr für die Phantasiegeschichten des Christentums hat. Dieser Sachverhalt wird im Text durch die Erwähnung der Rationalisierung der englischen Wirtschaft angezeigt. Ohne den leitenden Kompass von Himmel und Hölle ist Mameladow gezwungen, selbst wieder die Ordnung der Welt herzustellen. In diesem Sinne ist er ein Held, ein tragischer Übermensch, entkoppelt von seiner kulturellen und historischen Tradition.

Das Wort Sünde ist in seinem Ursprung ein Term aus der Bogenschießerei. Es ist abgeleitet vom griechischen άμαρτάνειν (hamartánein), was etwa „das Ziel verfehlen“ bedeutet. Im biblischen Kontext wird es für das Verfehlen der Ordnung Gottes genutzt. Marmeladow weiß, dass sein Verhalten falsch ist, er weiß, dass er sündigt. Er sehnt sich danach, dass er für seine Sünden bestraft wird. Dostojewskij spürt damit der menschlichen Sensibilität nach, dass, obwohl etwas Böses an sich schon schlimm genug zu ertragen ist, es noch schwerer ist, ein ungesühntes Böses ertragen zu müssen. Das Sündigen im religiösen Sinne stellt also eine die Ordnung verfehlende Handlung dar. Die Sühne stellt analog die Wiederherstellung der Ordnung dar, was sie für Marmeladow wünschenswert macht. Schlimmer als die Bestrafung ist die korrumpierte Integrität der Ordnung weiterertragen zu müssen.

Die Szene, die von Dostojewskij geschildert wird, sowie der konkrete Charakter von Marmeladow, scheinen auf den ersten Blick vielleicht einen für die alltägliche Erfahrung unwesentlichen Sachverhalt darzustellen. Es ist leicht ihn als eine Art pathologischen Extremfall abzustempeln, und vielleicht ist er das auch. Das Interessante ist jedoch, dass dieselbe psychologische Struktur auch bei kleinen Kindern zu beobachten ist. Häufig versuchen Kleinkinder durch blödsinnige Handlungen die Grenzen auszuloten, die ihre Eltern ihnen gewähren. Dabei sind sich Kinder sogar meistens bewusst, dass das, was sie machen, wahrscheinlich nicht gewünschtes Verhalten ist, und damit eine maßregelnde Reaktion der Eltern antizipiert wird. Das ist der Grund warum es keine zu empfehlende Praxis im Umgang mit kleinen Kindern ist, auf jede ihrer Idiosynkrasien mit Sympathie zu reagieren.

Kleinkinder sind jung und verfügen entsprechend über relativ wenig Wissen und Erfahrung im Umgang mit der Welt. Daraus folgt, dass für sie die relevanten Grenzen von dem, was als erstrebenswertes Handeln wahrgenommen wird, noch nicht klar erkannt sind. Der Instinkt von Kindern, die sozialen Grenzen auszuloten, ist eine extrem nützliche Adaption. Wenn nicht genug erkundet wird, könnte es sein, dass etwas unbekannt bleibt, was wichtig ist. Deswegen ist es entscheidend bis an die Grenzen zu stoßen, damit alles bekannt ist, was wesentlich sein könnte. Im Endeffekt ist dieses Verhalten nichts anderes, als wenn ein Erwachsener ein Buch fertig ließt und sich nach dem Umblättern der letzten Seite ein befriedigendes Gefühl einstellt. Das Buch wäre nicht gelesen worden, wenn darin nicht nützliche Informationen vermutet worden wären. Das Beenden des Buchs stellt entsprechend die komplette Erkundung eines Bereichs der Welt dar, der für potentiell nützlich gehalten wurde.

Menschen untersuchen und erkunden ihre Umwelt, es ist eine psychologische Intuition. Es stellt eine nützliche Adaption dar, da es wichtig ist, über alle wesentlichen Informationen in der Umwelt Bescheid zu wissen. Es ist jedoch nicht immer genau zu erkennen, wann die Grenze überschritten wird. Das Überschreiten der Grenze der sozialen Welt kann als Sünde verstanden werden. Die Sünde ist entsprechend gleichermaßen etwas, was bestraft werden muss, aber für den Sündigenden auch eine Erlösung darstellt. Die Strafe wird nötig, da sie die Integrität der sozialen Ordnung gefährdet. Erlösend ist sie, da sie das Ende einer Erkundung markiert. Das relevante soziale Territorium ist kartografiert und alle potentiell wesentlichen Informationen konnten gesammelt werden. Dieser psychologisch regulierende Motor menschlicher Existenz findet sich, wie beschrieben, in christlicher religiöser Praxis reflektiert. Dostojewskij macht ihn am Beispiel von Marmeladow transparent, der ein Extrem der Praxis darstellt. Er fordert für sein Sündigen Bestrafung, so wie ein Kind sich das Aufzeigen einer Grenze durch seine Eltern wünscht, und sich ein Erwachsener darüber freut die letzte Seite eines Buchs gelesen zu haben, oder eben die letzte Zeile dieses Essays.

Christoph Fleischer

hat Philosophie und Literatur in Heidelberg und Berlin studiert. Seine Hauptinteressen liegen im Bereich der Anthropologie und Metaphysik, wo er sich Fragen im Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Technologie, Kultur und Religion widmet. Er bespielt dieses Magazin sowie den zugehörigen Youtube-Channel und Podcast.

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