19.1.2021 - keine Kommentare

Warum brauchen Wir Kultur?

Geschrieben von Christoph Fleischer

Dieser Artikel basiert auf dem Skript eines YouTube-Videos von unserem Kanal. Das Video ist hier direkt eingebettet, kann jedoch auch direkt über YouTube angeschaut werden.

Gibt es einen besseren Moment zu fragen, welchen Stellenwert Kultur in unserem Leben einnimmt, als in einer Zeit, in der ein kulturelles Leben gesellschaftlich quasi nicht existiert? Deswegen geht dieser Artikel der Frage nach, was ist Kultur, und wird sie eigentlich gebraucht?

Befinden Wir uns gerade in einem Kulturkrieg? Manche würden in feuriger Aufregung aufspringen, um Ihre Zustimmung zu bekunden, andere die Frage als lächerlich und fehlgeleitet deklarieren und mit der Hand wegwischen. Während manche Autoren, wie der englische Intellektuelle Douglas Murray, den „komischen Tod Europas“ diagnostizieren, verweisen dessen Kritiker gerne auf das nie endende Prophezeien des sog. “Untergangs des Abendlandes” hin, dessen Ausrufung fast schon intellektueller Hochleistungssport geworden sei.

Autoren wie beispielsweise der Österreicher Stefan Zweig schätzen Kultur nahezu über alles, deren Schönheit, Exzellenz, Grazie – während andere lieber dem französischen Philosophen der Aufklärung, Jacques Rousseau, folge leisten und sich nach einem vermeintlich verloren gegangenen und durch Unschuld charakterisierten Naturzustand zurücksehnen. Was ist mit der Vorstellung, dass Kultur zu erhalten sei, dass eine Kultur einer anderen überlegen wäre, oder das Kultur unveränderlich ist, also aus Überlieferung stammt und feststeht? Vielleicht ist das alles Quatsch und der Charakter des gesellschaftlich Konstruierten sollte jede Form von kultureller Debatte dominieren: Kulturelle Inhalte haben eben keinen inhärenten Wert neben der Tatsache, dass sie schlicht von irgendjemandem für seine eigenen Zwecke „erfunden“ wurden.

IDEEN
KOMPRIMIERT
1 Der Mensch verfügt nicht nur über die Fähigkeit zur Reflexion, sondern auch Selbstreflexion.
2 Durch diesen Doppelcharakter muss er sich seine eigene Welt schaffen. Kultur ist die Einrichtung dieser Welt.
3 Kulturelle Inhalte sind zwar durch Menschen geschaffen, jedoch nicht folgenlos beliebig bestimmbar.

In welchem Lager man sich auch immer selbst wiederfinden sollte, eins steht fest: Im hitzigen und häufig emotionalisierten Dauerfeuer von Argumenten und Debatten rund um unsere Kultur, ist nichts einfacher geworden, als den Blick für das Wesentliche zu verlieren. Wenn so viel Stress durch das ständige Verhandeln-müssen ausgelöst wird, dann darf, oder vielleicht muss man sogar, einmal entnervt und erschöpft die Frage stellen: Warum eigentlich das ganze? Brauchen wir Kultur eigentlich, und wenn ja, warum? Kurzum: Was ist Kultur?

Auf der Suche nach einem archimedischen Punkt, also einem Ort, an dem wir fest stehen können, liefern die Ideen eines viel zu kleinen Philosophen in einem gar nicht mal so kleinen Büchlein eine interessante Perspektive für diese Problemstellung. Der Mann der Stunde hört auf den Namen Helmuth Plessner und sein 1928 erschienenes Buch auf den Titel: „Die Stufen des Organischen und der Mensch“.

Die Verfassung des Menschen: conditio humana

Die Frage nach der conditio humana, also etwa nach der „Verhasstheit des Menschen“, ist eine alte philosophische Frage, die darauf abzielt eine Antwort für das Wesentliche oder Essentielle menschlicher Existenz zu produzieren. Neben verschiedenen mehr oder weniger erfolgreichen Vorschlägen aus der Philosophie, stiftet beispielsweise auch jede der großen Weltreligionen einen genau solchen „Sinn des Menschseins“. So entspringt der buddhistischen Tradition etwa eine Vorstellung von dem Gefangen-sein des Menschen in einem ewigen Kreislauf von Leid, Tod und Wiedergeburt, der nur durch eine bestimmte zur Erleuchtung führende Praxis aufgelöst werden kann. In den meisten christlichen Spielarten hingegen dominiert die Idee, dass jeder Mensch bereits in einen Zustand von ursprünglicher Sünde geboren wird und von diesem korrumpierten Zustand nur durch Jesus Christus erlöst werden kann. Auch Plessner wirft seinen eigenen Vorschlag einer adäquat aufgefassten menschlichen Kondition in den Ring. Ein kurzer Blick wird zeigen, was seine Idee ist.

Das wichtigste Konzept, dass von Plessner für diese Betrachtung benötigt wird, ist sein genau so unnötig komplizierter wie auch völlig erfundener Begriff der „Positionalität“. Im Grunde wird damit das Verhältnis eines Lebewesens zu seiner eigenen Grenze und seiner Umwelt kategorisiert. Es wird schnell klar, wenn man sich die drei Arten von Positionalität anschaut, was damit gemeint ist:

Die „offene Positionalität“: Das betrifft das Reich der Pflanzen: Sie sind nicht wirklich in einem „richtigen“ Ort zentriert, sondern erstrecken sich durch ihre Verästelungen und Wurzeln in ihre Umwelt hinein. Man könnte es vielleicht so zusammenfassen: Pflanzen leben viel mehr mit ihrer Umwelt, als dass sie in einer Umwelt leben. Die „geschlossene oder zentrische Positionalität“ charakterisiert das gesamte Tierreich. Alle Tiere haben einen fest umrissenen Körper, der sie klar gegenüber ihrer Umwelt abgrenzt. In Plessners Vorstellung reagieren Tiere auf die, aus Ihrer Umwelt stammenden Impulse, die sich allesamt im Tier, als „Zentrum“, sammeln und von diesem Zentrum heraus ein Verhalten in Abhängigkeit dieser äußeren Einflüsse produzieren. Kurz gesagt: Ein Jagdhund sieht einen Hasen und wegen diesem äußeren Impuls, beginnt der Jagdhund dem Hasen hastig hinterher zu eilen. Zuletzt noch die „exzentrische Positionalität“: Diese letzte oder höchste Stufe des Organischen nimmt der Mensch ein. Zunächst teilt der Mensch mit dem Tier, die mit der geschlossenen Positionalität einhergehenden Eigenschaften – also der menschliche Körper ist ebenfalls klar gegenüber seiner Umwelt umgrenzt – und es konzentrieren sich auch in ihm, die ihn umgebenden Reize, die eine impulsive Reaktion produzieren. Jedoch: Im Gegensatz zum Tier ist der Mensch jedoch nicht nur seinen Reflexen unterworfen, sondern verfügt über die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Mit dieser Fähigkeit zur Selbstreflexion findet der entscheidende Sprung von der Physik in die Metaphysik statt, also von dem bloßen „Haben einer Natur“ zu der Problemstellung, was denn eigentlich die eigene Natur sei. Die exzentrische Positionalität entspricht also einer Art Doppelcharakter. Menschen sind einerseits natürliche Wesen, die eine eigene Natur haben, andererseits verfügen sie jedoch auch über die Fähigkeit zur Selbstreflexion, müssen also selbst bestimmen, was diese ihre eigene Natur ist. Genau das ist Plessners Vorschlag für die Kondition des Menschen: Der Mensch muss sich selbst erst zu dem machen, was er von Natur aus bereits ist! 

Brauchen Wir Kultur?

Nachdem geklärt werden konnte, worin für Plessner die conditio humana besteht, nämlich in der exzentrischen Positionalität, dem Doppelcharakter des Menschen, stellt sich die Frage, was das mit der eingangs erwähnten Problemstellung zu tun hat. Die kurze Antwort lautet: Alles! Die menschliche Fähigkeit zur Selbsterkenntnis ist ein existentielles Faktum. Zwar kann durch jahrelange Ausbildung von Disziplin und stetigem Üben von bestimmten Formen der Meditation, oder auch ohne irgendeine Anforderung an Disziplin oder sonst irgendwas durch exzessiven Substanzmissbrauch, versucht werden diesen Zustand kurzfristig zu kompensieren. Eine abschließende Lösung dieses Problems erfordert jedoch etwas anderes.

Von Natur aus ohne feste Zeit, oder einen festen Ort, besteht, wenn man es so nennen möchte, die menschliche Tragödie darin, sich selbst eben einen solchen Ort und eine solche Zeit selbst zu geben. Ohne die Ausstattung einer naturgegebenen Ordnung ist es unsere eigene Aufgabe als Menschen durch die Schaffung einer künstlichen Ordnung dieses Bedeutungs-Vakuum auszufüllen. Dieser Prozess des permanenten Einrichten unserer kosmischen Wohnung, kennt jedoch kein Ende! Es ist nicht wie ein Punkt auf einer To-Do-Liste, kein unternehmerischer Auftrag oder ein staatliches Gesetz, dem Folge zu leisten ist, sondern existentielle Lebensaufgabe, die notwendigerweise aus der menschlichen Art zu Sein folgt. In Ihrer Gesamtheit machen die Resultate dieses Prozesses das aus, was wir gemeinhin als Kultur bezeichnen. Was ist also Kultur? Kultur ist unser natürlicher Lebensraum und unser Verhältnis zur Kultur ist analog wie das, des Fischs zum Wasser. 

Was ist also, wenn jemand vorschlagen würde: Wozu denn Kultur?! Lasst uns lieber zurückkehren in einen Zustand unschuldiger Natürlichkeit! Dem können wir jetzt antworten: Natürlich können wir ohne Kultur! Es spricht nichts dagegen, es sich vorzustellen! Genauso wie nichts dagegen spricht sich einen Fisch außerhalb des Wassers vorzustellen! Aber, es wäre ein Fehlschluss zu glauben, dass der Fisch dann an einen Ort von ursprünglicher Unschuld geraten würde. Es ist ihm vielmehr ein unnatürliches Habitat, das er betreten würde und das ihm nichts weiter versprechen kann als Tod und Aussichtslosigkeit.

Vielleicht wird sich unser Zyniker durch diese Antwort für einen kurzen Moment geschlagen geben. Doch er kommt zurück und fordert nun: Kulturelle Inhalte sind dennoch nur vom Menschen gemachte „Erfindungen“ und ihnen kommt keine inhärente Bedeutung zu. Sie haben keine „wirkliche“ Bedeutung und sind nur willkürlich von irgendwelchen Leuten hingesetzt und wir können sie dementsprechend selbst nach beliebigen Maßstäben verändern!

Klar, auch dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden! Wir können uns ja vorstellen: Wasser ist Wasser, oder etwa nicht? Egal was für Wasser und welcher Qualität es ist. Dem Fisch wird es schon egal sein, ob man ihn in Süß- oder Salzwasser, schmutzigem oder sauberen, heißem oder eiskaltem Wasser, usw., hineinwirft. Ich glaube es wird schnell jedem klar wie naiv diese Vorstellung ist, dass nur weil kulturelle Inhalte selbst „erfunden“ wären, ihre Bedeutung und ihr Wert dermaßen willkürlich seien, dass es ohne einen direkten Einfluss auf unsere Lebensqualität möglich wäre diese nach Belieben zu verändern. Das ist Kultur und darum brauchen Wir sie! Das letzte Wort geht dem Thema entsprechend an den antik-griechischen Philosophen Protagoras, der bereits im 5. Jahrhundert vor Christus festgestellt haben soll: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, dass sie sind, der Nichtseienden, dass sie nicht sind“

Christoph Fleischer

hat Philosophie und Literatur in Heidelberg und Berlin studiert. Seine Hauptinteressen liegen im Bereich der Anthropologie und Metaphysik, wo er sich Fragen im Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Technologie, Kultur und Religion widmet. Er bespielt dieses Magazin sowie den zugehörigen Youtube-Channel und Podcast.

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